Schreibkurs 01 - Schreiben
1. Einleitung
Ich will zu Beginn kein bestimmtes Thema vorgeben, sondern über das Schreiben selbst sprechen.
Wann:
Wichtig für die Kreativität sind Momente des Nichtstuns. Die meisten Ideen kommen dann, wenn man die Gedanken ziellose schweifen lassen kann. Dazu bieten sich zum Beispiel Bus- und Bahnfahrten, das Wartezimmer, die Sauna oder die Dusche an. Beim Malen ist ein Malort nützlich. Auch beim Schreiben kann es helfen, sich einen bestimmten Ort, zum Beispiel den Lieblingssessel, und eine bestimmte Uhrzeit auszuwählen. Das Gehirn verbindet Ort und Uhrzeit dann irgendwann mit Kreativität. Man kann sich auch einfach mal 20–30 Minuten Zeit nehmen und auf das Schreiben einlassen.
Was:
a) Vielleicht fällt einem nicht immer sofort ein Thema ein. Dann hilft es, sich einfach in der Umgebung umzuschauen und bewusst wahrzunehmen. Beschreibe, was du siehst, hörst, riechst und fühlst. Mache zum Beispiel einen Spaziergang in der Natur und lasse dich von der Umgebung inspirieren. Beschreibe deine Sinneseindrücke.
b) Oder wähle einen Gegenstand, eine Pflanze oder ein Tier und beschreibe es. Man kann sich auch von Skulpturen, Gemälden oder Fotos inspirieren lassen. Ich schicke hier dafür immer auch zum Thema passende Gemälde mit.
c) Ein weiteres Hilfsmittel ist es mit drei Zufallsworten zu arbeiten. Versuche diese drei Wörter in dem Text zu verarbeiten. Dann hast du einen Ausgangspunkt für Ideen und Einfälle. Dazu kann man einfach ziellos in einem Wörterbuch blättern oder im Internet einen Generator nutzen:
Wie:
Es gibt verschiedene Techniken, die beim Schreiben helfen. Ich nenne hier nur einige, wir werden die meisten aber noch gesondert in Schreibübungen ausprobieren. Ich persönlich lasse die Gedanken schweifen und warte, dass Bilder vor meinem inneren Auge aufsteigen. Die beschreibe ich dann. Auch eine Wortschatzsammlung ist nützlich (siehe Kurs_Teil_02). Man kann auch eine mindmap ausprobieren. Eine weitere Technik ist es, einfach ohne zu überlegen drauf los zu schreiben. Man nennt das automatisches Schreiben. Später streicht man, was einem nicht gefällt und arbeitet mit den Resten weiter. Man kann auch einen Artikel oder Text zerschneiden und die Wortschnipsel zu Sätzen neu arrangieren. Auch verschiedene Wörterbücher helfen. Die Dornseiff-Bedeutungsgruppen und Synonyme bringen mich oft auf neue Ideen und Metaphern. Unter Punkt 7 findet ihr einige Links. Auch Reime können von einer Idee zur nächsten leiten. Oder versuche bewusst ein neues Stilmittel einzusetzen. Lass dich von Symbollexika oder Wortlisten inspirieren. Ansonsten gilt wie immer: Beschreibe was du siehst, hörst und fühlst. Der Schlüssel zum Schreiben ist freies Assoziieren. Alles ist erlaubt.
2. Schreibübung
Schreibaufgabe
a) Schreibe einen Text über das Schreiben. Wenn dir nichts einfällt, schreibe darüber, dass dir nichts einfällt.
b) Versuche im Text einen oder mehrere Vergleiche zu benutzen.
Extra Schreibübung
Automatisches Schreiben
Automatisches Schreiben ist eine gute Übung, die eigene Kreativität zu fördern und das Unterbewusstsein anzuzapfen sowie Schreibblockaden abzubauen.
Nimm dir Papier und Stift und schreibe einfach drauf los. Wenn dir nichts einfällt, schreibe, dass dir nichts einfällt. Wir haben fast immer Gedanken im Kopf. Das dürfen Sätze, Satzstücke, Wortketten und auch einzelne Wörter sein. Verzichte auf Absichtlichkeit. Lass den Stift nicht ruhen. Versuchen ununterbrochen zu schreiben und in einen Schreibfluss zu kommen. Denke nicht über Rechtschreibung oder Grammatik nach. Schreibe 5 Minuten oder etwa eine DINA4-Seite.
Dann nimm dir deinen Text vor und streiche alles was nicht passt. Die interessanten Textstücke kannst du neu anordnen und vielleicht ein wenig anpassen. Es wird ein einzigartiger Text entstehen. Schreiben ist leicht. Man muß nur die falschen Wörter weglassen. Mark Twain
3. Zum Einstimmen ein Gedicht
Die Feder kritzelt
Die Feder kritzelt: Hölle das!
Bin ich verdammt zum Kritzeln-Müssen? -
So greif' ich kühn zum Tintenfaß
und schreib' mit dicken Tintenflüssen.
Wie läuft das hin, so voll, so breit!
Wie glückt mir alles, wie ich's treibe!
Zwar fehlt der Schrift die Deutlichkeit -
Was tut's? Wer liest denn, was ich schreibe?
Friedrich Nietzsche
weitere Beispiel:
„Schreiben ist geschäftiger Müßiggang.“ — Johann Wolfgang von Goethe
„Der eine schreibt, weil er sieht, der andere, weil er hört.“
Karl Kraus
Die Natur hat nur eine Regel für die Schriftsteller, und die läßt sich in zwei Worten fassen: Laßts laufen.
Georg Christoph Lichtenberg
Schreiben ist leicht. Man muß nur die falschen Wörter weglassen.
Mark Twain
Schreiben ist das Bemühen, die Worte mit den Gedanken in Einklang zu bringen.
Harald Schmid
Christian Morgenstern: Im Reich der Interpunktionen
https://www.aphorismen.de/gedicht/6687
Schreiben ist eine köstliche Sache; nicht mehr länger man selbst zu sein, sich aber in einem Universum zu bewegen, das man selbst erschaffen hat.
Gustave Flaubert
Hugo von Hofmannsthal: Ein Brief
https://www.projekt-gutenberg.org/hofmanns/prosa/chandos.html
4. Wortschatz
Schreiben, kritzeln, formulieren, verfassen, Papier, Pergament, Schreibfeder, Tinte, Tintenfass, Schreibmaschine, Buch, Text, Brief, Gedicht, dichten, ausbrüten, reimen, Füller, Bleistift, notieren, träumen, erfinden, ausdenken, Roman, Novelle, erzählen, Erzählung, schmieren, tippen, Ideen, Gedanken, Bilder, Wörter, Wörterbuch, Lexikon, Buchstabe, Silbe, Satz, Absatz, Abschnitt, Bericht, Tagebuch, Paragraph, paraphrasieren, Symbol, Metapher, Allegorie, Notiz, Zettel, Einfall
5. Symbolik
Das Schreiben steht für das Bewahren und Weitergeben von Wissen. Das geschriebene heilige Wort sollte gegen die Mächte der Finsternis schützen. Das Alphabet sollte Dämonen abwehren, daher auch häufig bei den Römern auf Ziegeln und im christlichen Mittelalter auf Kirchenglocken. Die Im hellenistischen Volksglauben sind die Vokale den Planeten zugeordnet und sollen alle Kräfte des Kosmos zum Ausdruck bringen. Fluchsteine im Alten Orient hatten Schrift, die den, der den Stein versetzt, verfluchen sollte. Schrift an der Wand steht für bevorstehendes Unglück. Das Bild stammt aus dem Buch Daniel.
6. Stilmittel
Unser erstes Stilmittel ist der Vergleich. Als Vergleich bezeichnet man das direkte Gegenüberstellen zweier oder mehrerer Sachverhalte, Gegenstände oder sprachlicher Bilder.
Wie kleine Fabrikschlote
paffen die Zigarren
zwischen bleichen Lippen
Deine Leidenschaft glüht heller
als Scheinwerferlicht.
7. Hilfsmittel
Einige nützliche Wörterbücher online:
Dornseiff Bedeutungsgruppen und Synonyme:
https://wortschatz.uni-leipzig.de/de
Erstglied und Letztglied, Synonyme
Assoziationen:
Synonyme:
Gutes Reimlexikon:
Zufallswortgenerator:
8. Exemplarische Vorgehensweise
Das Gedicht ist etwas länger. Ich erkläre nur Ausschnitte und unten findet ihr den gesamten Text.
Ich habe in der Einleitung von dem Schreibmodus, dem Flow gesprochen. Der erste Satz soll diesen traum-ähnlichen Zusatnd beschreiben. Man spricht von Tagträumen. „Wachschlafend“ umschreibt das. Der Teich der Stille ist eine Metapher für das Unterbewusstsein.
Der wachschlafende Träumer taucht tief
in den Teich der Stille.
Die „vogelfreien“ Gedanken weisen auf das Gedanken schweifen lassen hin. Die Feder, ein Schreibinstrument, ist flammenfarben wegen der Leidenschaft für das Schreiben. Das Schreiben fällt leicht, traumwandlerisch, wie im „Vorbeiflug“, ohne Anstrengung entsteht ein Text. Das ist natürlich nicht immer so, sondern nur im Idealfall. Rupfen, Schwärme, Feder und schlüpfen bilden das Bild und verweisen auf Vögel.
Er rupft von vogelfreien Gedankenschwärmen
eine flammenfarbene Feder,
die wie im Vorbeiflug das Pergament
mit frischgeschlüpften Welten benetzt.
Dieser Satz soll darauf verweisen, wie wir aus unseren erfahrungen Texte schöpfen können. Der Bernstein eignet sich gut, da auch in ihm Fossilien vergangener Zeiten eingeschlossen sind. Aus diesen „Samen“ sprießt ganz natürlich etwas neues, das Gedicht (Garten). Hierbei handelt es sich auch um unser Stilmittel, der Vergeich.
In der Träne einer traurigen Erinnerung eingeschlossen,
wie ein Goldkäfer im Bernstein,
schlummern die Samen
eingebungsblühender Gärten.
Kreativität ist ein Strom, ein flow. In Gedichten arbeiten wir oft mit Symbolhafter Sprache. Wie in einem Kaleidoskop setzten sich Wörter und Symbole immer weider auf Neue zu etwas Einzigartigem zusammen.
Im Strom quecksilberner Ideen
dreht sich ein Kaleidoskop der Symbole.
Der letzte Satz soll einen Schlusspunkt setzen. Der Schreibprozess ist beendet und der Schreiber legt sich schlafen. Er ist zufrieden.
Wenn der Träumer
die Kerze des Bewusstseins löscht
ruht er auf einem Kissen
wohlgewählter Worte.
Traumschöpfer
Der wachschlafende Träumer taucht tief
in den Teich der Stille.
Er versucht den schimmernden Mond
vom Wasserspiegel zu schöpfen.
Er schürft nach den Wurzeln der Worte.
Er tastet im milchigen Dämmer
nach den Granitgesichtern
archetypischer Standbilder.
Er folgt dem Laternenlicht der Tradition
unter tansanitgetaufte Himmel
fremder Sternengefüge.
Er pflückt Achat, Jade und Turmalin
aus dem Gewölk des Unwahrscheinlichen
und dichtet aus ihnen ein chimäres Mosaik.
Er presst die ölschwarzen Trauben
der Tagträumerei zu sprechender Tinte.
Er rupft von vogelfreien Gedankenschwärmen
eine flammenfarbene Feder,
die wie im Vorbeiflug das Pergament
mit frischgeschlüpften Welten benetzt.
In der Träne einer traurigen Erinnerung eingeschlossen,
wie ein Goldkäfer im Bernstein,
schlummern die Samen
eingebungsblühender Gärten.
Im Strom quecksilberner Ideen
dreht sich ein Kaleidoskop der Symbole.
Wenn der Träumer
die Kerze des Bewusstseins löscht
ruht er auf einem Kissen
wohlgewählter Worte.
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