Schreibkurs 05 - Großstadt

1. Einleitung

Neologismus

Bertrand Russell hat einst gesagt:“ Die Sprache ist nicht nur dazu da, Gedanken auszudrücken, sondern Gedanken zu ermöglichen, die ohne sie gar nicht existieren könnten.“ Sprache verändert sich, erweitertet sich stetig und Wortneuschöpfungen sind das Ergebnis dieser Veränderung. Heute wollen wir uns mit Wortneuschöpfungen auseinandersetzen. Ein anderes Wort für Wortneuschöpfung ist Neologismus.

Wortneuschöpfungen entstehen nicht nur im Alltag, zum Beispiel um neue Technologien wie "Computermaus" zu ´benennen, sondern sind auch ein schönes Stilmittel für Gedichte. Bei Gedichten werden neue Worte vor allem durch das Zusammenfügen von Worten gewonnen (Kompositon). Paul Celan sticht da besonders hervor. Beispiele sind etwa: Steintag, Grabbbaum, Niemandsrose, Atemwende und etliche andere. Bei dem Neologismus „Entosteter“ (von Osten) wurde ein Substantiv zum Verb gemacht. Goethe erfand für das Gedicht Prometheus „Knabenmorgen-Blütenträume“. Rainer Maria Rilke verwendet in dem Gedichtband „Traumgekrönt“ mehrere Neologismen (Duftgehege, glückverschneit, kinderkeusch). Eichendorff wartet mit „Blütenschimmer, froherschrocken und emporflügeln“ auf.

Man kann aber auch aus Hauptwörtern Verben machen oder umgekehrt. Aus dem gedicht "Auf der Terrasse des Café Josty" von Paul Boldt:

Der Potsdamer Platz in ewigem Gebrüll
Vergletschert alle hallenden Lawinen
Der Straßentrakte: Trams auf Eisenschienen,
Automobile und den Menschenmüll.

Oder aus einem meiner Gedichte:

Es spechtet im Gehölz.

Und:

Der stotternde Morgen fleckt
in Bruchstücken durchs Gehölz.

ine Möglichkeit ist, zwei zusammengesetzte Worte zu verwenden, wo es ein gemeinsames Bindeglied gibt. Zum Beispiel kann aus Morgensonne und Sonnenuntergang „Morgensonnenuntergang“ werden. Oder aus Alltag und Tagträumer „Alltagsträumer“. Der Digitale Wortschatz Deutscher Sprache (DWDS) listet alle Wörter auf, bei denen der Suchbegriff Erstglied oder Letztglied sind. Das ist für solche Kompositionen sehr nützlich.

Das Thema, an dem wir Wortneuschöpfungen ausprobieren wollen, lautet "Großstadt". Das Thema passt gut, da es im Expressionismus wichtig war. Im Expressionismus hat man sich auch sehr um neue sprachliche Mittel bemüht und man findet viele Neologismen.

Inspiration über Wortschatz
Wir stöbern einfach mal in der Wortschatz-Liste. Bahnhof fällt mir ins Auge. Und Häuserschlucht. Der Bahnhof kann Ort der An- und Abreise sein. Wir entscheiden uns für die Abreise. Wir picken noch Schmutz und Ruß aus der Liste und fertig.

Am Bahnhof ein letzter Abschied,
ein letzter Gruß an Schmutz und Ruß
und dann auf der Schiene in die Heimat

Bei der Häuserschlucht denke ich an Höhe. Was ist in der Luft? Ein Taube, nein, ein Papierflieger. Wir kombinieren dieses Bild mit dem Großstadt-Motiv der Hektik, des beschleunigten Lebens.

Hoch über all der Hatz und Hektik,
hält der Papierflieger inne,
bevor er in die Häuserschlucht stürzt.

Inspiration über Stilmittel
Das Stilmittel ist Neologismus. Wir suchen also eine neues Wort zum Thema Großstadt. Dazu schauen wir wieder in die Liste. Freudenhaus. Daraus könnte man Tränenhaus machen. Aus der Fußgängerzone die Fremdgängerzone. Wr fügen mal Asphalt und Theater zusammen und lassen zwei Personen in der Stadt aufeinandertreffen. .

Das Asphalttheater lädt zur Nachtvorstellung.
Der hochhackige Schuh trifft nur von ungefähr
den Schatten des Landstadtstreichers.

 

2. Schreibübung

Schreibaufgabe
a)Schreibe einen Text zu dem Thema Großstadt. Orientiere sich an der expressionistischen Kunst und Lyrik oder entwerfe deine eigene Vision der Großstadt.
b) Verwende Wortneuschöpfungen.

Extra Schreibübung

Expressionistisches Schreiben
Lothar Schreyer hat sechs Wege gesucht, Alltagssprache in expressionistische Sätze umzuformen.
1) Substantivierung: Das bedeutetet Wortverkürzung, Wortveränderung, Satzkürzung, Konzentration. Aus dem Satz: ,,Die Bäume und Blumen blühen“ wird deshalb der expressionistische Satz: ,,Baum blüht Blume.“
2) Heterogenisierung: Die poetischen Bilder werden expressionistisch dissonant gegeneinander gesetzt. Aus: ,,Die Bäume und Blumen blühen." wird: "Baum-Sturz, Blumenmesser."
3) Personifizierung: Landschaften werden als Personen dargestellt, Die Umwelt wird mythisch beseelt. Aus: "Die Baume und Blumen blühen." wird: "Blumengellen, Baumgott."
4) Reduktion: Menschen werden nur noch durch häßliche Körperteile dargestellt oder als Tiere. Aus: ,Der Gärtner sieht, wie Bäume und Blumen blühen." wird: ,,Gartenhai, Schwitzfuß, torkelt durch Baumsturz, Blumenmesser."
5) Emotionalisierung: Expressionistische Satze erzeugen eine hohe emotionelle Dauerspannung. Laut und Rhythmus werden wichtiger als die Grammatik. Aus: ,,Der Gärtner sieht, wie Bäume und Blumen im Garten blühen" wird: ,,Gartenblut, Gartenhai, Baumsturz vermessert."
6) Utopisierung: Die expressionistischen Texte umfassen utopische Bilder des neuen Menschen, der neuen Gesellschaft, die mit der verfallenen Gegenwart stark kontrastieren.

Versuche nun einen gewöhnlichen Satz mit einer oder mehreren der Methoden expressionistisch zu verfremden.

Beispiele:
Die Sonne scheint über der grünen Landschaft.
Der Fußgänger überquert die Kreuzung.
Die Mutter hält das Kind an der Hand.
Am wolkenlosen Nachthimmel sieht man die Sterne.

3. Zum Einstimmen ein Gedicht

Menschenblick

In der trägen Abendheimkehr der Gasse,

Die uns durch die Schläuche der Städte preßt,

Treiben wir ichlos in strudelnder Masse,

Leib mit Leibern, undurchscheinlich und fest.

 

Doch da weckt aus dem Schlaf des Massengeschickes

Jäh uns ein Antlitz, berückenden Sinnes schwer,

Und aus dem Wolkenriß eines träumenden Blickes

Starrt eine Ewigkeit, größer als Sonne und Meer.

Franz Werfel

 

weitere Beispiele:

Paul Boldt: Auf der Terrasse des Café Josty
https://www.gedichte7.de/auf-der-terrasse-des-cafe-josty.html

Alfred Lichtenstein: Die Stadt
https://de.wikisource.org/wiki/Die_Stadt_(Alfred_Lichtenstein)

Georg Heym: Die Stadt
https://de.wikisource.org/wiki/Die_Stadt_(Heym)

Georg Heym: Der Gott der Stadt
https://www.deutschelyrik.de/der-gott-der-stadt.html

Alfred Wolfenstein: Städter
https://www.deutschelyrik.de/staedter.html

Paul Zech: Fabrikstraße Tags
https://www.aphorismen.de/gedicht/218783

4. Wortschatz

Wortschatz Großstadt:

Stadt, Großstadt, Wolkenkratzer, Betonwüste, Häusermeer, Fabrik, Geschäft, Supermarkt, Wohnblock, Plattenbau, Straße, Ampel, Verkehr, Auto, Straßenbahn, Fenster, Lichtermeer, Park, Sportplatz, rasen, hetzen, schmutzig, Ruß, Baustelle, Dreck, Theater, Nachtklub, Bar, Café, Menschenmenge, Fußgängerzone, unpersönlich, anonym, Altstadt, Gasse, Bahnhof, Eisenbahn, Kino, Kreuzung, Lärm, Abgase, Museum, Rathaus, Zentrum, Trabant, Vorort, Hotel, Prostitution, Freudenhaus, Bordell, Bürger, Quartier, Stadtrundgang, Sanierung, Wohnung, Zeitung, Einbahnstraße, Metropole, Weltstadt, Ballungsraum, Umland, Behörde, bummeln, umziehen, Armut, Reichtum, Asphalt, Backstein, Beton, Graffiti, Mauer, Häuserschlucht, Marktplatz

5. Symbolik

Anonymität, der Verlust des Individuums, Orientierungslosigkeit und Entfremdung sind typische Themen der Großstadtlyrik. Die Großstadtlyrik ist in der Regel pessimistisch. Mit der Industrialisierung hat sich das Bild der Stadt geändert. Schlechter, knapper Wohnraum, Arbeitslosigkeit und Kriminalität prägten die Stadt. Auch Hektik und Nervösität wurden stärker wahrgenommen.Ihr könnt eurem Gedicht natürlich auch eine ganz andere Wendung geben. Die Städte sind auch ein Ort der Begegnung und Kulturzentren. Das frühere Bild der Stadt war auch ein anderes. "Stadtluft macht frei" – Städte versprachen Selbstverwiklichung und Freiheit sowie Schutz (Stadtmauern).

Informiert man sich über die Symbolik der Stadt in der Literatur, fällt vor allem die Widersprüchlichkeit auf. So kann die Stadt sowohl Symbol des Schutzes als auch der Schutzlosigkeit und der Kapitulation sein. Etwa in der Literatur des 30-jährigen Krieges, die von Feuersbrunst zerstörte Stadt oder im 20. Jahrhundert Hiroshima oder Stalingrad. Von einem Bild des Göttlichen Schutzes und der Freiheit verändert sich die Symbolik der Stadt im Expressionismus zu einer der Gottesferne und Knechtschaft. Die Stadt gilt gleichermaßen als Symbol der Ordnung als auch der Unübersichtlichkeit. Weiteres zähle ich einfach mal auf: Ordnung, Kultur, Naturferne, Einsamkeit, Entfremdung, Tod, Krankheit, erotischer Reiz, Wollust (Babylon).

6. Stilmittel

Es gibt verschiedene Wege, Neologismen zu bilden:

Komposition: Neue Begriffe werden aus bestehenden Wörtern zusammengesetzt (Bsp.:Computermaus, Datenautobahn, Literaturpapst).

Tilgung und Zusammenziehung: Wörter werden aus dem ersten Teil eines Wortes und dem zweiten eines anderen gebildet. Dabei kommt es zur Tilgung, also dem Auslassen einzelner Wortteile. (Bsp.: Bollywood, Brexit, Teuro)

Abkürzungen: Können in der Sprache gebildet werden, was sehr häufig aus sprachökonomischen Gründen geschieht. Solche Abkürzungen, wenn sie sich in der Sprache etablieren, können als eigenständige Wörter und Neologismen gelten (Bsp.: SMS, Azubi, Hiwi).

Derivation: Die Derivation ist ebenfalls ein Begriff der Wortlehre. Sie bezeichnet eine Neubildung von Wörtern durch eine Ableitung. Das bedeutet, dass an ein ursprünglich bereits existierendes Wort eine Vor- oder Nachsilbe gehängt wird. Dadurch entsteht dann ein neues Wort (un-kaputt-bar, Cyber-kriminalität).

Sprachwitz: Eigentlich eine Form der Verballhornung eines Wortes. Kann jedoch in den Wortschatz der Sprache gelangen, als berühmtes Beispiel gilt nichtsdestotrotz, das einst als Scherzwort für die Verbindung aus nichtsdestoweniger und trotzdem von Studenten gebraucht wurde.

7. Hilfsmittel

Erstglied und Letztglied:
https://www.dwds.de/

Neologismenwörterbuch
https://www.owid.de/docs/neo/start.jsp

Wortlisten
https://sternenvogelreisen.de/schoene-worterfindungen-von-rilke/
https://sternenvogelreisen.de/eichendorff-gedichte-schoene-woerter/

8. Exemplarische Vorgehensweise

Stadt

In der nachthellen Stadt
verschmelztiegeln Menschenmasken.

"Nachthell" ist nicht nur ein Neologismus, sondern auch ein Oxymoron, das in Kapitel XX erklärt wird. Die Stadt ist auch bei Nacht hell erleuchtet, im Gegensatz zur Natur. Auch "verschmelztiegeln" ist ein Neologismus, der auf das Bild der Stadt als kulturellen Schmelztiegel anspielen soll. In der Masse fließen die Gesichter ineinander: Anonymität.

Wetterleuchtröhren zerplatzregenen
auf ahnungsschmatzende Gesichter.

Wetterleuchtröhren setzt sich aus Wetterleuchten und Leuchtrören zusammen. Die Neonröhre als technisches Wetterleuchten. "Zerplatzregnen" setzt sich aus "zerplatzen" und "Platzregen" zusammen. Auch bei "ahnungsschmatzend" handelt es sich um eine Wortneuschöpfung.

Die Menschenmenge gärt und zischt.
Die Mitternachtlokale spucken
Lustnomaden ins Gedränge.

"Mitternacht" und "Nachtlokal" bilden "Mitternachtlokale". Die "Lustnomaden" spielen auf den Vergnügungshunger an.

Vor den Schlachthäusern
der käuflichen Liebe gerinnen
die Körpersäfte in der Gosse.

Die Schlachthäuser machen die Prostituierten zum "Stückvieh". Sie werden aus Geldgier ausgenutzt und so entmenschlicht. Die Prostitution und der Schmutz der Stadt sind typische expressionistische Motive. Im Mittelalter flossen Exkremente in der Gosse, heute anderer Schmutz.

Der Ruf des Gürtelrosenverkäufers
schlängelt sich durch die Massen.
Der giftige Atem von Abgasgedanken
schwelt in einer Wolke
egoistischer Ideen.

"Abgasgedanken" sind die egositischen Gedanken der Menschen, die das Zusammenleben vergiften. Auch hier ein Neologismus. Zugleich das Motiv der smogverseuchten Großstadt.

Über den Häusern,
die Fenster verdunkelt,
hängt eine bleierne Schwermut.
Vereinzelt blinzelt
ein Licht der Einsamkeit
in den schwarzverhangenen Himmel.

All der Hunger nach Erlebnissen, der Trubel und die Möglichkeiten sich zu vergnügen zum Trotz, sind die Menschen schwermütig. Hinter vereinzelten, hell erleuchteten Fenster wohnt die Einsamkeit (Motiv der Anonymität).

9. Bilder

Hanns Bolz: Stadtbrücke 1912

George Grosz: Metropolis

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