Schreibkurs 13 - Zeit

1. Einleitung

In diesem Kapitel wollen wir uns der Zeit widmen. Die Zeit ist zwar eine physikalische Größe und objektiv messbar, aber doch auch sehr stark unserer subjektiven Wahrnehmung unterworfen. Die Frage nach dem Wesen der Zeit wurde oft gestellt ist noch nicht definitiv zu beantworten. Für Kant etwa waren zeit und Raum die Form, die das menschliche Bewusstsein den Sinneseindrücken verleiht Für Aristoteles ist der Zeitbegriff untrennbar an Veränderungen gebunden. Veränderungen geschehen in der Zeit, aber von der Zeit selbst gilt das nicht. Sie selbst ist keine Bewegung, sondern das Maß jeder Bewegung. Das Konzept der Raumzeit hat gezeigt, dass die Zeit von der Geschwindigkeit abhängig ist und damit relativ nicht absolut.

Man sieht schon, über die Zeit wurde viel nachgedacht und geschrieben. Daher eignet sich dieses Thema auch gut für einen Zugang über die Recherche. Informiert euch über philosophische, wissenschaftliche (Physik, Biologie) oder literarische Zugänge zum Thema und baut darauf euren Text auf. Natürlich kann auch das eigene Erleben der Zeit, die eigene Vergangenheit, die eigenen Ideen oder Ängste für die Zukunft eine gute Grundlage für einen Text bilden.

Inspiration über Symbolik
Der sprichwörtliche Zahn der Zeit steht für den Verfall und Abnutzung durch das Vergehen der Zeit. Wir nehmen den nagenden Zahn mal wörtlich. Woran nagt man? Knochen. Der Knochen hält den Menschen aufrecht. Auch seine Überzeugungen muss man aufrecht halten.

Der Zahn der Zeit nagt am Knochen meiner Überzeugungen.

Inspiration über Recherche

Vom griechischen Philosophen Heraklit ist überliefert: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“ Laut ihm war Veränderung das Wesen des Seins. Nehmen wir dieses bekannte Bild mit dem Fluss doch mal auf.
Ich möchte ausdrücken, dass eine Liebe längst verflogen ist.

Ich suche dein Gesicht im Fluss,
aber das Wasser sit längst fort
und im Meer der Zeit aufgegangen.

Ich möchte ausdrücken, dass ich nicht gut mit Veränderung klarkomme. Vom Fluß nehme ich das Geräusch, das Rauschen auf. Das ist zugleich das Stilmittel der Klangmalerei. Zum Geräusch, passt taub → betäubt.

Das Rauschen der Zeit,
der Fluss aller Dinge,
lässt mich betäubt zurück.

Inspiration über Bilder

Wir nehmen uns mal das vorgestellte Vanitas Bild vor. Dieses Thema in der Kunst sollte auf die Vergänglichkeit von allem hinweisen. Wir wollen das mal interessanter machen und auf den Kopf drehen. Wir sprechen auch von unsterblicher Liebe. Setzen wir diese beiden Ideen gegeneinander.

Selbst wenn mein eitler Schädel,
zu Staub zersetzt,
durchs Stundenglas rinnt
und wie welke Blüten verweht,
wird ein Staubkorn meiner Liebe fortbestehen.

2. Schreibübung

Schreibaufgabe

a) Schreibe ein Gedicht zum Thema Zeit.
b) Versuche das Stilmittel Hyperbel zu verwenden.

Extra Schreibübung

Zen Poesie
Schreibe ein kurzes Gedicht. Zum Beispiel in Form eines Haiku mit drei Zeilen und 5-7-5 Silben.

Nimm das Blatt Papier dann und hänge es in die Bäume, um es vom Wind wegwehen zu lassen. Oder werfe das Papier in einen Fluss und lass es forttreiben.

3. Zum Einstimmen ein Gedicht

Ein weißes Schloss in weißer Einsamkeit ...

Ein weißes Schloss in weißer Einsamkeit.
In blanken Sälen schleichen leise Schauer.
Todkrank krallt das Gerank sich an die Mauer,
und alle Wege weltwärts sind verschneit.

Darüber hängt der Himmel brach und breit.
Es blinkt das Schloss. Und längs den weißen Wänden
hilft sich die Sehnsucht fort mit irren Händen …
Die Uhren stehn im Schloss: Es starb die Zeit.

Rainer Maria Rilke

 

weitere Beispiele

Christian Morgenstern "Sei du der große Zeiger"
https://gedichte-bibliothek.de/pages/lyrik-magazin/gedichte/gedichte-zum-thema-raquozeitlaquo/christian-morgenstern-sei-du-der-grosse-zeiger.php

Herrmann Hesse "Stufen"
https://www.deutschelyrik.de/stufen.html

Friedrich von Schiller "Sprüche des Konfuzius"
https://www.deutschelyrik.de/sprueche-des-konfuzius.html

Gottfried Keller "Die Zeit geht nicht"
https://www.deutschelyrik.de/die-zeit-geht-nicht.428.html

4. Wortschatz

Zeit, Uhr, Zeiger, Vergänglichkeit, Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart, Stundenglas, Minuten, Sekunden, Stunden, Jahre, Äonen, vergehen, fliegen, Zeiger, Ziffern, Zeitspanne, Frist, Intervall, Dauer, Periode, Phase, Weile, Zeitrahmen, Zeitraum, Zeitabschnitt, Alter, Woche, Jahr, Dekade, Ära, Epoche, Jahreszeit, Saison, fristgerecht, Lebenszeit, Todeszeitpunkt, Zeitalter, fortwährend, immer selten, kurz, andauernd, rechtzeitig, pünktlich, bisweilen, endlos, ewig, Ewigkeit, andauernd, vorhin, jüngst, anhaltend, zuweilen, Augenblick, Moment, immerfort, gerade, kürzlich, jederzeit, neulich, unaufhörlich, immer, sporadisch, pausenlos, Jugend, Kindheit, welken, Weltalter, Tag

5. Symbolik

In der Neuzeit wird die Zeit oft durch Stundenglas oder Uhr symbolisiert. Die Inder kennen das Rad der Zeit, das von Fortuna oder der Mutter Natur gedreht wird. Die Ägypter hatten mit Heh einen Gott der endlosen Zeit, dessen Zeichen auch für die unendliche Zahl Million stand. In der Antike stand jeder Zeitabschnitt, jeder Tag Woche etc unter der Herrschaft einer Zeitgottheit. Auch die Wochentage sind Gottheiten der Antike und deren Symbolismus zugeordnet. Der Sonntag der Sonnengottheit Sol mit Strahlenkranz, der Montag der Gottheit Luna mit Mondsichel usw. Im Mittelalter kannte man eine Gestalt mit drei Gesichtern als Symbol der Zeit. Als unendliche Linie ist der Kreis Symbol der Unendlichkeit. Der Pfeil steht im Christentum für das eschatologische Denken. In der Renaissance hieß es, die Wahrheit sei eine Tochter der Zeit. Es finden sich Darstellungen eines geflügelten Greises (Chronos), der eine weibliche Gestalt in die Luft hebt. Bei Zeit denkt man auch sofort an die Lebenszeit und die Vergänglichkeit. Das Rad oder der Kreis steht für den Kreislauf der Jahreszeiten. Fossilien stehen für vergangene Zeit. Oder auch Falten und Furchen bei alten Leuten. Man spricht vom „Zahn der Zeit“. Sonnenaufgang und Sonnenuntergang stehen für beginn bzw. Ende.

Als Beispielbild habe ich heute ein Vanitas-Stillleben ausgesucht. Die Vergänglichkeit ist ein beliebtes Thema der Kunst. Der Totenschädel, welkende Blumen und das Stundenglas sollen an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnern. Weitere Symbole wären eine verlöschende Kerze oder zerbrochene Gläser und auch stumme Musikinstrumente. Diese Art Stillleben war besonders im Barock beliebt. Efeu, Lorbeer und Kornähren stehen hingegen für ewiges Leben und Wiedergeburt
Die Uhr steht symbolhaft für den Kosmos, den Körper, das Herz, die Ewigkeit und Lebenszeit sowie die Erinnerung.

6. Stilmittel

Hyperbel:

Dieses Stilmittel ist eigentlich recht einfach. Die Hyperbel ist einfach eine Übertreibung. Das passt gut zum Thema „Zeit“, da wir schon in der Alltagssprache zu Übertreibungen neigen:

Ich habe ewig auf dich gewartet.

Natürlich hat man nicht „ewig“ gewartet. Das ist eine Hyperbel.

Die Hyperbel soll eine Gefühlsintensität maximal und gesteigert wiedergeben. Diese Übertreibung kann einen Begriff bis über die Glaubwürdigkeit hinaus verfremden und sogar einen komischen Effekt haben. Die Chuck Norris Witze, die auf der Prämisse beruhen, Norris sei der härteste Mensch der Welt, beruhen auf Übertreibung.

Chuck Norris isst keinen Honig. Er kaut Bienen.

Noch einige Beispiele:

  • Oh, mein Schatz. Ich habe dich zum Fressen gern.“

  • „Der Kellner in diesem Restaurant ist wirklich blitzschnell.“

  • „Boah. Was du für ein Schneckentempo du an den Tag legst.“

  • „Nach unserem Ausflug bin ich wirklich totmüde und möchte schlafen.“

  • „Beispiele gibt es hier ja wie Sand am Meer

  • „Ich habe einen solchen Bärenhunger, ich könnte einen Elefanten verspeisen.“

  • „Die Wartezeit bei diesem Arzt ist wirklich unendlich lang.

https://wortwuchs.net/stilmittel/hyperbel/

 

7. Hilfsmittel

8. Exemplarische Vorgehensweise

Ich beginne mit dem Aufwachen. Um die Ausdehnung der Zeit zu betonen, arbeite ich mit Gegensätzen. Das Blinzeln dauert nur einen Augenblick. Dem stelle ich ein Monument an Zeit entgegen. Ich bleibe im Bild des Turms mit der Wortneuschöpfung Stundenstein. Ich habe dabei an die Pyramiden gedacht, Grabmäler, die den Verstorbenen unter Tonnen von Stein begraben. Die Zeit ist mein Grab. Das Auftürmen der Zeit wird durch die Wortwiederholung noch einmal verdeutlicht, fühlbar gemacht.

Schon mit dem ersten Morgenblinzeln
türmt sich Zeit um Zeit auf
und begräbt mich unter
tausend Tonnen Stundenstein.

„Tausend Tonnen Stundenstein“ beinhaltet nicht nur 2 Alliterationen, sondern auch unser aktuelles Stilmittel: Die Hyperbel.

Nun will ich darüber schreiben, dass ich mit all der Zeit nichts anzufangen weiß. Meine Vorhaben sind nicht mehr greifbar, wie Rauch. Dann spiele ich auch auf Depressionen an, die Antriebslosigkeit als Symptom haben:

Greife ich nach meinen Vorhaben,
zerstäuben sie wie Rauch.
Ich kann meine Schwermut
nicht aus der Schlafstatt heben.

Die Zeit dehnt sich scheinbar endlos aus. Das erzeugt ein Gefühl der Leere. Hilfreich hierbei war der Wortschatz, den ich vorher angefertigt habe. Auch hier haben wir es wieder mit starker Übertreibung zu tun (Hyperbel). Und ich arbeite wieder mit dem Gegensatz der kleinsten Zeiteinheit und einer sehr langen (Äonen).

Die Lücke zwischen
zwei Momenten
dehnt sich zu Äonen.
Die Leere bläht sich
ins Unfassbare.
Die Wände rücken näher.

Die Zeil will einfach nicht vergehen. Jeder kennt das Gefühl, wenn man auf die Uhr starrt und der Zeiger sich einfach nicht bewegen will. Rost ist ein Ergebnis der Zeit.

Der aus rostenden Sekunden
gestanzte Zeiger
klammert sich an jede Ziffer.

Zum Schluss will ich noch mit dem Motiv des Stundenglas arbeiten. Ich mag das Wort einfach sehr. Im Stundenglas ist Sand. Es gibt den Ausdruck „Sand im Getreibe“ für eine Störung. Mein Gedankenprozess funktioniert nicht mehr. Bei „knirschen“ handelt es sich um einen klangmalerischen Ausdruck. Passt auch zum Sand.

Vom Stundenglas
rieselt Sand in mein Gehirn.
Meine Gedanken kriechen
knirschend voran und zerkrümeln.

 

Philippe de Champaigne: Stillleben

Salvador Dali: Die Beständigkeit der Erinnerung

Jan Collaert II: Veritas filia temporis

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