Schreibkurs 14 - Mythologie

1. Einleitung

In diesem Kapitel wenden wir uns der Mythologie zu. Im Vordergrund wird dabei die griechische Mythologie stehen. Mythen bieten einen hervorragenden Fundus an Bildern und Metaphern. Der Vorteil ist, dass diese Bilder allgemein verbreitet sind und so leichter für den Leser zu entschlüsseln.

Man kann sich Motive aus er Mythologie oder Psychologie wählen und als Bilder in einem Text verwenden. Das hat den Vorteil, dass die eigene Bildsprache potentiell für andere zu entschlüsseln ist. Man kann sich natürlich eine ganz eigene Bilderwelt erschaffen. Diese braucht dann vielleicht Kontext, um verstanden zu werden. Nicht immer allerdings. Es gibt aber auch einen dritten Weg. Sich von den Bildern der Mythologie inspirieren zu lassen und sie ein die eigene Bildersprache zu übersetzen.

Wir beginnen mit drei berühmten Strafen der Unterwelt: Sisyphos, Tantalos und die Danaiden. Die Mythen sind weit verbreitet und sind alle bereits sprichwörtlich geworden. Man spricht von eine "Sisyphos-Arbeit", "Tantalos-Qualen" und davon "ins Danaidenfass zu schöpfen". Sie haben also einen hohen Wiedererkennungswert und eignen sich hervorragend dazu, in den eigenen Text eingewoben zu werden. Dabei können wir unsere eigene Perspektive einbringen.

Ich beschreibe die drei Mythen unter Hilfsmittel.

2. Schreibübung

Schreibaufgabe

a) Suche dir eine der drei Mythen aus und mache sie zum Thema für deinen Text.
b) Schreibe einen Text und benutze Bilder aus den drei Mythen als Metaphern.
c) Verwende ein Oxymoron als Stilmittel.

Extra Schreibübung

Blackout poetry
Nimm dir einen Text, zum Beispiel ein Magazin oder eine Zeitung und schwärze die Wörter so ein, dass nur noch einige stehen bleiben. Diese sollen dann einen neuen Sinn ergeben.
Nimm eine Seite aus einem Buch, einer Zeitung oder Zeitschrift als Grundlage. 

Lies den Text und suche nach Wörtern, die dir gefallen oder zu einem neuen Thema zusammenpassen. 

Verknüpfe die ausgewählten Wörter zu einem neuen Satz oder einer neuen Geschichte. Eine erste Methode ist, die Wörter in der Reihenfolge, wie sie im Originaltext vorkommen, zu behalten. 

Schwärze alle Wörter auf der Seite, die du nicht für dein neues Gedicht brauchst. 

Du kannst die übrig gebliebenen Wörter hervorheben oder den Text mit Zeichnungen, Mustern oder Farben verschönern, um deine eigene visuelle Sprache zu entwickeln.

Vielleicht findest du im Bücherschrank eine alte Ausgabe von Gustav Schwabs Sagen und kannst das als Grundlage für einen mythologischen Blockout Text verwenden.

3. Zum Einstimmen ein Gedicht

Mythologie

Ja, Europa ist erlegen -
Wer kann Ochsen widerstehen?
Wir verzeihen auch Danäen -
Sie erlag dem goldnen Regen!

Semele ließ sich verführen -
Denn sie dachte: eine Wolke,
Ideale Himmelswolke,
Kann uns nicht kompromittieren.

Aber tief muß uns empören
Was wir von der Leda lesen -
Welche Gans bist du gewesen,
Daß ein Schwan dich konnt betören!

Heinrich Heine

weitere Beispiele

Heinrich Heine: Ein Wintermärchen, Caput XIII.
https://de.wikisource.org/wiki/Seite:Neue_Gedichte_(Heine)_337.gif

Albert Roderich: Vorschlag zur Güte
https://www.aphorismen.de/gedicht/140500

Charles Baudelaire: Das Fass des Hasses, aus Blumen des Bösen
https://de.wikisource.org/wiki/Das_Fa%C3%9F_des_Hasses

4. Wortschatz

Sisyphos:
Fels, Felsblock, Brocken, Berg, Hügel, Himmelsgewölbe, Sonnenscheibe, mühsam, stemmen, drücken, schieben, schleppen, Gipfel, Bergspitze, Höhepunkt, glücklich, rollen, herunter, Tal, listig, verschlagen, Schalk, Trick, Fesseln, Tod, wälzen

Tantalos:
Reichtum, Ambrosia, Nektar, Gelage, Gastmahl, opfern, zubereiten, Früchte, Feige, saftig, süß, Apfel, Birne, Granatapfel, Wasser, schwarzer Schlamm, neigen, durstig, Hunger, See, Felsblock,

Danaiden:
Töchter, Söhne, Flucht, Durst, regen, Hochzeit, Braut, Nacht, Nadel, töten, ermorden, Gemahlin, Gatte, porös, undicht, durchlässig, leck, Gefäß, Krug, Fass, schöpfen, gießen, fließen

5. Symbolik

Ikonographie: In der Kunstgeschichte haben sich bestimmte Attribute für die Götter herausgebildet, an denen man sie erkennen kann. Diese Attribute eigen sich auch als Vokabular für den eignen Text. Hier die Bildsprache zu den auftretenden Göttern.

Ares’ Symbole sind: brennende Fackel, Hund und Geier sowie für einen Kriegsgott typisch Schwert, Helm und Schild. Zudem zeigt sich sein wildes und grausames Wesen in Gestik und Mimik. Gedrungener, kräftiger Körperbau zeichnen ihn als Krieger aus.

Artemis: Attribute sind: die silbernen Pfeile und der silberne Bogen, welche ihr von den Kyklopen geschenkt wurden und auch die Mondsichel symbolisiert. Mit diesem sandte sie treffsichere Pfeile gegen die Sterblichen, um Krankheiten über sie zu bringen. Selten sind der Speer und das Jagdnetz ihre Attribute. Unter den Pflanzen sind ihr das Wermutkraut (lat. Artemisia absinthium) und die Zypresse, die Moorlilie und die Palme heilig. Waldtiere (Bär, Eber, Hirsch) begleiten sie. Sie spielt die Lyra und ist Fackelträgerin.

Zeus: Seine Attribute sind Zepter, Adler, Blitzbündel, Helm, bisweilen auch der Eichenkranz, seine Begleiterin manchmal die Siegesgöttin Nike.

Demeter: Demeters Hauptattribute sind die Weizenähre und der Mohn. Sie wurde auch zusammen mit Blumen, Früchten und Samen dargestellt, oft mit einer Mohnblume. Ihre Tiere sind das Schwein und der Delphin, auf denen sie reitet. Auch die Biene war Demeter zugeordnet.

6. Stilmittel

Oxymoron:

Beim Oxymoron stehen sich zwei Begriffe inhaltlich gegenüber und schließen sich mitunter gegenseitig aus. Das Oxymoron wird in der Sprache gebraucht, um (unsagbar) Umfassendes in einen Begriff oder ein Wortpaar zu zwingen. Dies geschieht durch den Widerspruch, wobei das Stilmittel versucht, beide Extrema abzudecken und diese sprachlich zu fassen. Das wohl bekannteste Oxymoron stammt aus Celans Todesfuge.

  • „stummer Schrei“

  • „traurigfroh“ (aus Friedrich Hölderlins Ode Heidelberg)

  • „unsichtbar sichtbar“ (aus Goethes Faust I, V. 3450)

  • Das aus einer Aneinanderreihung von Oxymora bestehende Scherzgedicht Dunkel war’s, der Mond schien helle

  • „schwarze Milch der Frühe, wir trinken dich abends“ (aus Paul Celans Gedicht Todesfuge)

  • „Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke“ (aus George Orwells Roman 1984)

7. Hilfsmittel

Sisyphos:

Sisyphos war König von Korinth. Er gilt als listenreich und verschlagen. So markierte er, als Autolykos ihm Rinder und Ziegen stahl, deren Hufe und konnte den Dieb so überführen. Mit der Tochter des Autolykos zeugte er Odysseus. Er verriet auch Zeus an den Flussgott Zeus, indem er dem Flussgott mitteilte, dass es Zeus sei, der seine Tochter Aigina entführt habe. Zeus beschloss daraufhin, Sisyphos zu bestrafen, und schickte Thanatos (Hades?), den Tod, zu ihm. Aber Sisyphos überwältigte ihn, indem er ihn betrunken machte und ihm so starke Fesseln anlegte, dass des Todes Macht gebrochen war und niemand mehr starb. Ares, der Kriegsgott, befreite den Tod und brachte Sisyphos in die Unterwelt. Der hatte aber noch einen Trumpf im Ärmel. Er hatte seiner Frau verboten, ihn zu begraben und Totenopfer darzubringen. Der Herrscher der Unterwelt entließ Sisyphos erneut auf die Erde, damit er diesen Missstand beseitigen könne. Wieder zu Hause, genoss der Listige das Leben an der Seite seiner Frau und spottete über den Gott der Unterwelt. Doch plötzlich tauchte Thanatos vor ihm auf und brachte ihn mit Gewalt ins Totenreich. Dort muss Sisyphos zur Strafe einen Felsen einen Berg hochrollen. Am Gipfelpunkt aber drehte den Fels das Übergewicht zurück und er rollt wieder ins Tal. Die anstrengende und mühselige Arbeit beginnt erneut.

Der Fels war ursprünglich die Sonnenscheibe und der Berg das Gewölbe des Himmels. In Korinth gab es einen Sonnenkult.

https://de.wikipedia.org/wiki/Sisyphos

Tantalos:

Tantalos war ein lydischer oder phrygischer König und enorm reich. Seine Ländereien umfassten 12 Tagesreisen. Seine Burg lag am Berg Sipylos. Er war ein Freund des Zeus und wurde zu Gelagen auf dem Olymp eingeladen. Dort stahl er Ambrosia und Nektar, die Götterspeisen", um sie mit seinen sterblichen Freunden zu teilen. Er verriet auch Geheimnisse des Zeus. Als er die Götter zu einem Gastmahl auf seiner Burg eingeladen hatte, stellte er fest, dass seine Speisekammer unzureichend gefüllt war. Aus diesem Grund oder um die Götter auf die Probe zu stellen, tötete er seinen jüngsten Sohn und fügte sein Fleisch den Speisen für die Götter hinzu. Nur Demeter, die vom Verlust der Persephone betrübt war, aß ein Stück der Schulter. Die anderen Götter durchschauten Tantalos sofort und zürnten ihm. Sie warfen des Fleisch des Pelops in einen Kessel und ließen den Jüngling auferstehen. Die Schicksalsgöttin Klotho band die Glieder aneinander. Den fehlenden Schulterknochen erstzten sie mit Elfenbein. Tantalos aber wurde in die Unterwelt, den Tartaros verbannt. Dort steht er bis zur Hüfte, manchmal bis zum Kinn in einem See. Will er durstig trinken, weicht das Wasser zurück und nur schwarzer Schlamm bleibt. Kann er etwas Wasser erhaschen, rinnt es ihm restlos durch die Finger und verstärkt den Durst noch. Über ihm hängen Birnen, Granatapfel, Oliven, glänzende Äpfel und süße Feigen. Will er hungrig nach ihnen greifen, weht ein Windstoß sie außer Reichweite. In einer Version werden die Früchte zu Asche, sobald man sie greift.

Ihm wurde eine dritte Strafe auferlegt, weil er einen gestohlenen goldenen Hund vor den Göttern versteckte. Ein Felsblock des Berges Sipylos hängt über dem Baum und droht ständig seinen Schädel zu zerschmettern.

Hier entstand und begann der Tantalidenfluch. Seither werden Tantalos’ Nachkommen meist zu Mördern an ihrer eigenen Familie oder/und selbst von Familienangehörigen aus Rache und Hass getötet.

https://de.wikipedia.org/wiki/Tantalos

Danaiden:

Es gab zwei Zwillingsbrüder: Aigyptos und Danaos. Der eine regierte über Arabien und Aigypten, der andere über Lybien. Nach dem Tod des Vaters brach Streit über das Erbe aus. Aigyptos hatte 50 Söhne und Danaos 50 Töchter. Um den Streit zu schlichten, schlug Aigyptos eine Massenhochzeit vor. Danaos war misstrauisch. Als ein Orakel bestätigte, dass bei derHochzeit alle Danaiden umgebracht werden sollten, floh er nach Griechenland. Er gilt als Vater aller Griechen. Als in Argolis eine Dürre herrschte, da Poseidon in einem Streit mit Hera alle Flüsse und Quellen versiegen ließ, sollte die Danaiden-Töchter das Problem lösen. Eine fand einen Satyr im Wald, der von ihr geweckt über sie herfiel. Sie rief Poseidon um Hilfe an, der den Satyr mit seinem Dreizack, in die Flucht schlug. Der Satyr wich dem Dreizack aus, der in einem Felsen steckenblieb. Die Danaide machte Poseidon danach zu seiner Geliebten. Sie bat um Wasser für Argolis und Poseidon hieß sie, den Dreizack aus dem Felsen zu ziehen. Dort entsprangen darauf drei Quellen.

Aigyptos jedoch entsandte seine Söhne nach Griechenland. Vor den Toren der Stadt der Danaide schlugen sie erneut eine Hochzeit vor. Danaos jedoch gab seinen Töchtern Nadeln, die sie in ihrem Haar verstecken. Mit den Nadeln stachen sie ihren Vermählten in der Hochzeitsnacht in die Brust. Nur eine ließ auf Rat der Artemis ihren Gatten leben.

Im Tartaros müssen die Danaiden-Töchter nun ein Fass mit Löchern mit Wasser aus ihren Krügen (oder Sieben) füllen, das natürlich nie voll wird.

Die 50 Danaiden verweisen möglicherweise auf die 50 Mondpriesterinnen, deren Aufgabe es war Regen herbeizuzaubern und Brunnen sowie Quellen zu erhalten. Oder sie wurden als Zauberinnen verstanden. Das Verspritzen von Wasser mit Sieben oder rinnenden Gefäßen auf den Boden sollte Regen herbeiführen. Manche betrachten die Strafe der Danaiden als ewige Strafe für Muttermord.

https://de.wikipedia.org/wiki/Danaide

 

8. Exemplarische Vorgehensweise

Ich habe mir einmal den Mythos um die Danaiden ausgesucht. Ich gehe jetzt einfach das Geschehen durch und versuche eigene Worte dafür zu finden. Als erstes ist mir die Ironie aufgefallen, dass die Danaiden mit Regenmacherinnen in Verbindung gebracht werden, bei der Belagerung durch die 50 Aigyptoiden aber durch Wassermangel an den Rand einer Niederlage geführt wurden. Nur deshalb stimmte Danaos der Hochzeit zu:

An den Rand des Durstes gedrückt
legt der Vater 50 Mädchenhände
in fünfzigfachen Männergriff.

Hier habe ich länger überlegt, welches Bild ich für die Einwilligung benutze. Dabei kam ich auf das Wort „Brautschleier“. Das eignet sich doch für einen Neologismus. Brautschleier – Schleiertanz. Das Bild gefällt mir, da es beim Verschleiern auch um das verhüllen und täuschen geht. Und das tun die Danaiden ja.

Der Brautschleiertanz verhüllter Absichten
trägt ein todschwangeres Geheimnis.

Ich möchte gerne die Nadel, die Mordwaffe, mit einbringen. Sternlos habe ich statt nächtlich gewählt, weil ich nächtlich noch brauche. Hier neigt sich dann das Vorhaben, statt des Abends.

Mit der Nadel im Haar und Honig auf der Zunge
neigt sich das Vorhaben zur sternlosen Tat.

Jetzt der Mord selbst. Wir wollen ja auch ein Oxymoron benutzen. Da ist mir gleich eines eingefallen: Schwarze Hochzeit.

In schwarzer Hochzeit
umarmt die nächtliche Geliebte
fünfzig verlöschende Kerzen.

Warum muss eigentlich der Vater, der die Morde eingefädelt hat, kein Wasser schöpfen? Die Töchter waren ihm nur gehorsam, was ihnen die Strafe einbrachte:

Der Vatergehorsam war ihr Schicksal.

Der Satz eignet sich gut für einen Übergang zu der Unterweltstrafe. Der Gehorsam verweist auf die Tat, das Schicksal auf die Folgen.

Der Vatergehorsam war ihr Schicksal.

Nun schöpfen sie Vergeblichkeit
in ein siebleckes Fass.

Ich wollte gerne das Wort sieb mit einbauen. Synonyme für undicht: porös, durchlässig, leck, etc. Leck passt vom Wortklang am besten zu Fass und porös zu Gefäß. Leck lässt sich mit Sieb zu einem Neologismus zusammensetzen.

Ich stelle mir Die Danaiden jetzt bildlich vor, wie sie das Wasser schöpfen. Am effizientesten wäre eine Reihe zu bilden, als wolle man ein Feuer löschen.

Wasserschwere Krüge wandern die handreichende Reihe entlang,
mit Leere gefüllte Krüge wandern zurück.

Hier bietet sich ein Chiasmus an. Ich stelle den ersten Satz um, da mir der Wortfluss so besser gefällt.

Die handreichende Reihe entlang wandern wasserschwere Krüge,
mit Leere gefüllte Krüge wandern zurück.

Das mit der Feuerwehr gefällt mir. Da kommt mir eine Idee:

In strenger Eile, als versuchten sie den Brand
versiegender Hoffnung zu löschen.

Das Hineingießen und Herausfließen eignet sich wieder gut für einen Chiasmus:

Das Wasser fließt ins poröse Gefäß,
aus dem porösen Gefäß fließt das Wasser heraus.

Die Häufung von „Wasser“ stört mich etwas. Vielleicht kann ich die Deutungsebene mit einbringen und Wasser jeweils ersetzen:

Die Bestimmung fließt ins poröse Gefäß,
aus dem porösen Gefäß fließt die Sinnlosigkeit.

Nun noch ein Schlusssatz. Ich stelle mir vor, wie der stete Wasserfluss, den Stein unter dem fass auswäscht.

Ihr Bemühen wäscht den Felsgrund
mit steten Beharren weich.

 

 

John W. Waterhouse: Die Danaiden

Tizian: Sisyphos

Bernard Picart: Tantalusqualen

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