Schreibkurs 12 - Porträt

1. Einleitung

In diesem Kapitel leihen wir uns mal ein Thema aus der Bildenden Kunst aus: Das Porträt. Der Sinn eines Portraits ist es nicht, eine Person nur abzubilden. Ein gutes Porträt erfasst auch das Wesen der Person, die Seele, wenn man so will. Das gilt besonders, seit dem Aufkommen der Fotografie. Wir wollen das als Text versuchen. Interessanterweise war es sehr schwer Beispiele für eine Charakterstudie in Gedichtform zu finden. Die meisten Charakterisierungen sind in Prosa. Da ist die Charakterisierung einer literarischen Figur natürlich sehr wichtig. Erzählungen und Romane leben von einer guten inneren und äußeren Beschreibung der Hauptfiguren. Ich finde die Idee, das einmal in Lyrik zu versuchen, sehr interessant. Ihr könnt aber auch einen kurzen Prosatext schreiben. Vielleicht entwickelt ihr dann später eine Geschichte daraus.

Ich habe einige wenige, kurze Beispiele aus der Literatur gefunden, an denen ihr euch, wenn ihr wollt, orientieren könnt. Ihr könnt euch eines der Bilder vornehmen und versuchen euch in die abgebildete Person hineinzuversetzen. Ich habe versucht zu diesem Zweck sehr ausdrucksstarke Portraits auszuwählen, deren Bildsprache euch vielleicht zu Metaphern anregen.

Ihr könnt aber auch eine Person auswählen, zu der ihr irgendeine Beziehung habt. Zum Beispiel eine Berühmtheit die ihr bewundert, die euch fasziniert. Ein Idol oder einen „Helden“, der euch inspiriert. Ihr könnt aber auch eine Person aus eurem persönlichen Umfeld auswählen: Eure Mutter, euren Vater, einen Bruder, eine Schwester, die Großmutter oder eine enge Freundin. Vielleicht habt ihr Kinder, deren Wesen euch fesselt.

Besonders in Gedichtform, die ja komprimierter ist, wäre es schön, wenn die Äußeren Merkmale so beschrieben werden, dass man auf das Wesen schließen kann. Zum Beispiel deuten ein stechender Blick und buschige Augenbrauen auf Strenge hin. Schließt einfach die Augen und stellt auch die Person vor. Was euch als erstes einfällt, dürfte das hervorragendste Merkmal sein. Beginnt damit und baut darauf auf.

Inspiration über Tiervergleiche:
Auch Tiere lassen sich als Vergleich bei dieser Übung gut einbauen:

Der rabenschwarze Brand seiner Haare.

Das Schildkrötengesicht schleicht dem Betrachter entgegen.

Inspiration über Recherche:
Werfen wir doch mal einen Blick in die Bibel. Da taucht die Nase in ganz verschiedenem Kontext auf. Wir erfahren unter anderem,dass eine „lange Nase haben“ Geduld bedeutet. Wenn einem die „Nase heiß brennt“ hingegen, ist man zornig. Das lässt sich doch verwenden.Wir drehen das mit der langen nase auf den Kopf. Jemand wartet ungeduldig (kurze Nase) und wird deshalb immer wütender (heiße Nase).

Seine Geduld war so kurz wie seine Nase,
die mit jeder Minute heißer brannte

Inspiration über Symbolik:
Das Auge steht für Erkenntnis, das wache Auge für Wachsamkeit. Welche Erkenntnis kann ein Mensch haben? Viele Menschen gewinnen ein tieferes Verständnis über sich selbst, wenn sie sich mit ihrer Kindheit beschäftigen. Ich greife dazu die Kellersymbolik als unterbewusster Bereich auf.

Offenen Auges stieg sie die Treppe in die Kindheit hinab;
mit leuchtendem Verstehen im Blick kehrte sie zurück.

Aber wir wollen ja eine Person beschrieben. Wie kann da Symbolik helfen? Blaue Augen sollen für Treue stehen. Was ist auch blau? Wir könnten jetzt noch einmal zu den Farben im Kurs zurückblättern. Es gibt etliche Möglichkeiten blau zu beschreiben. Aber ein treuer Blick ist für mich ein tiefer Blick, weit geöffnete Augen. Daher ist vielleicht das naheliegendste in diesem Fall auch das richtige: Der Himmel ist tief und weit.

Treu wie der Himmel war sein Blick.

 

 

2. Schreibübung

Schreibaufgabe

a) Male mit Worten ein Portrait.
b) Baue in deinen Text einen Chiasmus ein.

Extra Schreibübung

Surrealistische Dialoge

„Zwei Personen setzen sich zusammen: , jeder der beiden verfolgt ganz einfach sein Selbstgespräch, ohne daraus ein besonders dialogisches Vergnügen zu gewinnen. Die jeweiligen Aussagen... sind so unbeteiligt, wie nur nmöglich... Was die Antwort, die sie auslösen,betrifft, so lässt sie im allgemeinen die Eigenliebe des Gesprächspartners völlig kalt. Die Worte, die Bilder bieten sich dem, der zuhört, lediglich als Sprungbrett seines eigenen Geistes an.“ (A. Breton: Erstes Manifest des Surrealismus)

Geben Sie sich als Pärchen ein Thema und führen Sie über das Thema einen eiskalten schriftlichen Dialog, der bewusst die Kommunikation mit jeder Dialogsequenz des anderen Teilnehmers verweigert.

3. Zum Einstimmen ein Gedicht

Karl Kraus

Weißer Hohepriester der Wahrheit,
Kristallne Stimme, in der Gottes eisiger Odem wohnt,
Zürnender Magier,
Dem unter flammendem Mantel der blaue Panzer des Kriegers klirrt.

Georg Trakl

weitere Beispiele

Else Lake Schüler: Franz Marc
https://de.wikisource.org/wiki/Franz_Marc_(Lasker-Schüler)

Theodor Fontane: Robin Hood
https://de.wikisource.org/wiki/Robin_Hood_(Fontane)

Rilke: Der Tod des Dichters
http://www.rilke.de/gedichte/der_tod_des_dichters.htm

Johann Wolfgang von Goethe: Bei Betrachtung von Schillers Schädel
https://www.deutschelyrik.de/bei-betrachtung-von-schillers-schaedel-1826.html

 

4. Wortschatz

Nase: krumm, geschwungen, breit, gebrochen, geschwollen, winzig, stubsnasig, Zinken, Riechorgan, Falkennase, breit, schmal

Mund: Schnabel, Maul, Schnute, Schnauze, zynisch, sarkastisch, Mundwinkel, Lippen, voll, schmallippig, geschwungen, Lächeln, Lachen, hungrig, fleischig, wulstig, Zähne (faulig, Stümpfe, strahlende, vollständig, weiß, fleckig, nikotinverfärbt), verzogen, sinnlich

Augen: Blick, Sehorgan, Iris, Pupille, Wimpern, tief, Blick, hell, dunkel, blau, Augenbraue, nass, feucht, wässrig, trocken, geschwollen, gerötet, rund, linsenförmig, weit, offen, blau, grün, blau, starren, Blinzeln, Augenlid, Reflektion, verkniffen, oval, buschige Brauen, Zwinkern, Lachfalten, sinnlich

Kinn: breit, grob, spitz, selbstbewusst, fliehend, Doppelkinn, schmal, reckend, herausfordernd

Haut/Wangen: teigig, weich, wächsern, gerötet, geschwollen, rund, voll, hohl, pausbäckig. Apfelröte, grobporig, unrasiert, bleich, grünlich, gebräunt, Wangenknochen, ledrig, fahl

 

5. Symbolik

Gesicht: Das Gesicht ist Symbol des Charakters und der Identität sowie der Zuwendung und Kommunikation. So vertritt Cicero die Ansicht, das Gesicht gebe alle inneren Regungen wieder. Gott, der dem Menschen das Angesicht zeigt, bedeutet im biblischen Kontext Gnade und Zuwendung. Die Verhüllung des Gesichts deutet auf Trauer und Scham hin. Die Maske verbirgt die Identität. Die Fokussierung auf das eigene Spiegelbild wird als Sinnbild der törichten Eigenliebe thematisiert.

Nase: Die Nase gilt als Symbol des Leben. Sie gilt schon in der Bibel als Sitz der Lebenskraft. Weiter steht die Nase als pars pro toto für den gesamten Charakter. Bei Gogol tritt die Nase sogar als Person auf. Zur Charakterisierung des Menschen spielt die Nase eine große Rolle. „Er trägt die Nase hoch“, „Ich erkenne ihn (seinen Charakter) an seiner Nase. Die lange Nase gilt als hässlich und findet sich in Märchen auch als Strafe. Pinocchios Nase wächst als Strafe für Lügen. Eine rote Nase symbolisiert Trunksucht. Die spitze Nase weist in den dämonischen Bereich. Darüber hinaus steht die Nase auch für den Penis.

Auge: Das Auge ist Symbol des menschlichen Lebens. Das Auge gilt als unersetzlich. Deshalb auch das Blenden symbolisch für Todesstrafe. Das Auge ist auch Symbol der Schönheit und innerlicher Zustände. Am Auge werden Gemütszustände abgelesen. „Er hat Feuer im Auge –> er ist mutig“. Frische und auch blaue Augen stehen für Redlichkeit und Ehrlichkeit. Im Volksglauben wird die Augenfarbe gedeutet: Graues Auge → schlau, braunes Auge → schelmisch, blaues Auge → Treue. Das lüsterne Auge zeigt sexuelle Erregung. Das Auge ist auch Symbol des Geistes und der Erkenntnis. Offen Augen deuten auf die Wachsamkeit des Geistes. Im Englischen auch der eyeopener → das Verstehen. Im Zusammenhang mit Sonne und Licht gilt das Auge auch als symbol des Göttlichen. Die Sonne gilt als Auge der Welt oder des Äthers. "Das böse Auge" ist ein Glaube aus vielen Kulturen, dass ein neidischer oder böser Blick Schaden, Unglück oder Krankheit verursachen kann.

Mund: Der Mund ist Symbol der Wahrheit und der Lüge. Sehr deutlich am bocca dela verita in Rom. Eine gespaltene Zunge steht für Lügen. Der Mund ist auch Symbol des Charakters. Er steht als pars pro Toto für den Charakter oder ganzen Menschen. Der Mund kann friedlich, traurig, drohend, gefällig, prahlend, sterbend, gütig, eitel, liebend usw. sein (Ovid, Metamorphosen). In Zusammenhang mit dem Essen ist der Mund Symbol der Einverleibung und des Begehrens. Bereits im Sündenfall beginnt die Erkenntnis mit einem Akt des oralen Verschlingens. Mund und Lippen können für das Küssen und damit Begehren stehen. Im Narrenschiff steht der Mund für Gier. Der Mund ist aber auch Symbol des Lebens, des Todes und des Bösen. Das Einhauchen des Lebens, die Seele soll den Körper über den Mund verlassen. Durch den Mund sollen Dämonen eindringen und entweichen können.

6. Stilmittel

Es gibt zwei Chiasmus-Typen: Den syntaktischen und den semantischen.

Der Chiasmus ist ein Stilmittel, das uns vornehmlich in der Lyrik begegnet. Hierbei werden gleichwertige Wörter, Teilsätze oder Sätze in unmittelbarer Abfolge kreuzweise entgegengesetzt angeordnet. Das bedeutet, dass der Chiasmus die beinahe spiegelbildliche Anordnung eines dieser Elemente im darauffolgenden Abschnitt beschreibt.

Syntaktischer Chiasmus

Ach Gott! Die Kunst ist lang;
Und kurz ist unser Leben.

Hierbei fällt auf, dass sich die einzelnen Bestandteile des Satzes genau spiegelverkehrt nach dem Komma wiederholen (Subjekt, Prädikat, Objekt werden gewissermaßen zu Objekt, Prädikat Subjekt). Das Komma kann hierbei als Achse angesehen werden, die den Umbruch und die Wiederholung einleitet.

 

Semantischer Chiasmus

Ihr Leben ist dein Tod! Ihr Tod ist dein Leben!

Eigentlich haben wir ist mit einem parallelen Satzbau zu tun und nicht mit einer Kreuzstellung. Wenn wir aber die Wörter nach ihrer Bedeutung hervorheben, erkennen wir die Kreuzstellung auf inhaltlicher Ebene

hr Leben ist dein Tod! Ihr Tod ist dein Leben!

Inhaltlich werden die Wörter Leben und Tod in eine Kreuzstellung gebracht, was charakteristisch für den Chiasmus ist. Folglich kann der Satz ebenso als ein solcher gelten

https://wortwuchs.net/stilmittel/chiasmus/

 

7. Hilfsmittel

Wie charakterisiert man eine Person?

Man unterscheidet zwischen direkter und indirekter Charakterisierung:

Direkte Charakterisierung: Der Erzähler sagt direkt etwas über die zu charakterisierende Person. Merkmale und Eigenschaften werden sofort vom Leser erkannt.

Indirekte Charakterisierung: Eigenschaften der Figur werden indirekt vermittelt, beispielsweise über ihre Äußerungen, das Verhalten oder die Sprechweise. Auch über Handlungen lässt sich eine Figur charakterisieren.

Man beschreibt das Äußere und das Wesen der Person:

Äußere Merkmale sind hierbei:

• Name und Alter der Person

• Beruf und Herkunft

• persönliche Geschichte

• äußere Lebensumstände wie Wohnort, Zeit und gesellschaftliche Stellung

• Körperbau und Merkmale wie Augenfarbe, Haarfarbe, Gesichtszüge

• Auffälligkeiten in der Gestik und Mimik

• Besonderheiten in der Sprache wie Dialekt, Soziolekt oder auffällige Wortwahl

• Verhalten und Verhaltensmuster

• Interaktion mit anderen Personen

• familiäre, freundschaftliche und intime Beziehungen

Innere Merkmale können folgende sein:

• Gedanken

• Emotionen

• Eigenschaften (sensibel, munter, skeptisch, jähzornig, etc.)

• Vorlieben

• Ängste

• Ideologien / Einstellungen

• Absichten

 

8. Exemplarische Vorgehensweise

Ich habe mir als Vorlage das Portrait Lucian Freuds von Queen Elisabeth ausgewählt.

Bei dem Schreiben des Gedichts kommt es jetzt stark auf Intuition an. Schauen wir uns zunächst die Augen an, die mir meist zuerst auffallen.

Ich verbinde mit den Augen einen gierigen Ausdruck. Gier -> Geier -> Lauern

Die geierlauernden Augen ...

Der Blick wirkt auch etwas feucht. Nass -> tropfen-> triefen

Von den geierlauernden Augen tropft …

Die Augen wirken auch hart. Was ist Hart? Zum Beispiel Diamanten. Die passen auch besser zur Gier als etwa Stahl.

Von den geierlauernden Augen tropft
diamanten die Gier.

Wir wollten ja auch einen Chiasmus einbauen. Machen wir das doch gleich bei den Augen. Ich möchte im Chiasmus Gegensätzliches darstellen. Der Blick ist sehr dunkel. Und ich muss an all das Blut denken, dass die Monarchie an ihren Händen hat. Also:

Der Blick ist dunkel wie geronnenes Blut.

Wir haben Dunkel, jetzt brauchen wir etwas mit hell. Zum Beispiel die Augenlider. Den 2. Satz stellen wir jetzt spiegelverkehrt zum ersten. Fertig ist der syntaktische Chiasmus.

Der Blick ist dunkel wie geronnenes Blut.
wie geschmolzenes Wachs bleich ist das Lid.

Gehen wir nun zum Mund. Ich sehen in den Mundwinkeln eine Spur Grausamkeit, aber kaum spürbar -> flüchtig -> Wind - > wehen

Um die Mundwinkel weht eine …

Hmmm: Kurze Wortschatzsammlung: Bö Windzug, Luftzug, Luftstoß, Windhauch)

Um die Mundwinkel weht ein Windhauch Grausamkeit.

Nun verkehren wir das spiegelverkehrt für den semantischen Chiasmus, wobei der Satzbau gleich (Parallel) bleibt.

Um die Grausamkeit weht eine Windbö Muskelzucken.

Was fällt mir noch zum Mund auf. Die Lippen sind gepresst, bemühen sich freundlich zu wirken. Gestellt, unecht. Insgesamt wirkt der Mund eher hochmütig. Ich will auch das Schattenspiel um den Mund mit einbeziehen.

Der Mund zu Freundlichkeit gepresst,
ein Schatten von Hochmut schlägt auf die Lippen.

Nun gehen wir noch die weiteren Gesichtsmerkmale durch. Erst die Frisur. Die ist richtig modelliert. Modellieren-> Skulptur. Und Die Haare sind weiß -> Mamor. Dann bringen wir die Deutungsebene wieder mit ein. Die britische Monarchie und die Queen selbst haben bewegte Zeiten überstanden. Vielleicht beeinflusst mich die Haarspraywerbung ein wenig.

Die Frisur, eine mamorgemeißelte Skulptur,
die dem Sturm der Zeiten trotzt.

Dann die Ohren. Da fallen die Perlohrringe auf. Da sind wir wieder bei dem oft auf Kosten anderer erbeuteten Reichtum. Perlen erinnern mich immer an Tropfen oder Tränen:

Von den Ohren perlt der Luxus, tränentropfend.

Nun die Wangen. Da fallen die roten flecken auf. Flecken – Erschrecken- huschen – Röte

Auf den Wangen huscht schreckhaft die Röte.

Nun noch die Nase. Die Nase wirkt aufgeschwemmt, schwammig. Und doch sticht sie irgendwie hervor, geradezu herausfordernd, Wie eine Bergspitze in den himmel sticht. Kleine Wortneuschöpfung: Aus Gipfel machen wir gipfeln.

Die schwammige Nase gipfelt neckend Herausforderung.

 

 

Lucin Freud: Queen Elisabeth II.

P. A. Böckstiegel: Meine Mutter

Leonardo Da Vinci: Mona Lisa

Horst Janssen: Selbstporträt

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