Schreibkurs 03 - Berg
1. Einleitung
Bildebene und Sinnebene
Als nächstes möchte ich über die Bildebene und die Sinnebene sprechen. In der Literatur, aber auch in der Umgangssprache verwenden wir häufig Metaphern, um einen Sachverhalt zu verdeutlichen. Wenn mich jemand fragen würde: Wie soll ich denn ein Gedicht schreiben?, würde ich antworten. Wähle ein Thema und mische es mit einer Bildebene. Nehmen wir an, das Thema ist "Schreiben". Statt also zu sagen:"Ich schreibe meine Gedanken auf das Papier" suchst du eine Bildebene, zum Beispiel den "Garten"
Die Blume meiner Gedanken knospet ideenreich auf das Papier.
Blume, knospen = Bildebene; ideenreich und Gedanken= Sinnebene
Der Kreativität sind dabei im Prinzip keine Grenzen gesetzt. Hilfreich ist, dass viele Begriffe bereits eine symbolische Bedeutung haben, mit der man in Gedichten arbeiten kann. Deshalb werde ich bei den Themen in den folgenden Übungen immer ein wenig auf Symbolik eingehen.
Um dieses Methode umzusetzen habe ich als Thema den „Berg“ ausgewählt. Der Berg kann die Bildebene stellen. Sucht euch dazu eine Sinnebene. Zum Beispiel Herausforderung. Das der Fels für den ganzen Berg steht ist das Stilmittel der Metonymie.
Der steile Fels der Herausforderung wächst gebirgshoch auf meinem Weg.
Inspiration über Wortschatz
Wir schauen uns einfach mal den Wortschatz zu Berg an und stöbern ein wenig. Steinschlag wäre ein Wort, das man in eine andere Bedeutung übertragen kann (Metapher). Wir stellen uns den Steinschlag vor. Steine regnen auf jemanden herab und zerschmettern ihn. Nun suchen wir die Sinnebene: Zwischenmenschliche Beziehungen. Wenn wir das Gefühl haben ausgegrenzt zu werden, verachtet, dann zerstört das unseren Selbstwert.
Der Steinschlag verächtlicher Blicke
lässt mein Selbst zerschmettert zurück.
Inspiration über Symbolik
Die Berglandschaft steht für Weltferne. Der Begriff ist meist negativ besetzt. Um das Ganze interessanter zu machen drehen wir das auf den Kopf. Wir suchen ein positive Deutung der Weltferne. Der Tagträumer gilt als weltfern, aber er lebt auch in einer Welt der Phantasie und kann dort seine eigenes Paradies finden. .Wer träumt. Ein Eremit ist weltfern, aber da klingt auch Entsagung und Not an. Der Hirte lebt weitab und hat Zeit zu träumen. Das passt auch weil das Hirtenidyll ein beliebtes Motiv der Kunst ist und Idyll für Paradies stehen kann.
Tief im Fels träumt der Hirte sein eigenes Idyll
2. Schreibübung
Schreibaufgabe
a) Schreibe einen Text zum Thema „Gebirge“ oder „Berg“.
b) Versuche dabei die Bildebene „Gebirge“mit einer Sinnebene zu kombinieren.
c) Verwende dabei Metaphern.
Extra Schreibübung
Clustermethode
In der Clustermethode von G.L. Rico geht man von einem Kennwort in der Mitte des Blattes aus. Zu diesem Wort assoziiert man dann mit geschlossenen Augen und schreibt die auftretenden Begriffe rund um das Kennwort. Dann verbindet man mit einer Linie die Begriffe mit dem Kennwort und assoziiert zu diesen Begriffen, schreibt sie rund um das Ausgangswort und so weiter.
Schreibe dann einen Text mit dem entstandenen Wortschatz.
3. Zum Einstimmen ein Gedicht
Bergfrühling
In den Körben blau den Rauch der Fernen,
Gold der Tiefen unterm Tuch, dem härnen,
kommst du wieder mit gelösten Haaren
von den Bergen, wo wir Feinde waren.
Deinen Brauen, deinen heißen Wangen,
deinen Schultern mit Gewölk behangen,
bieten meine herbstlichen Gemächer
große Spiegel und verschwiegene Fächer.
Aber oben bei den Wasserschnellen,
über Primeln, du, und Soldanellen,
ist wie hier dein Kleid mit goldnen Schnallen
weiß ein Schnee, ein schmerzlicher, gefallen.“
Paul Celan
weitere Beispiele
Ricarda Huch: Im Gebirge
https://gedichte.xbib.de/Huch%2C+Ricarda_gedicht_0113.+Im+Gebirge.htm
Rainer Maria Rilke: Der Berg
https://gedichte.xbib.de/Rilke_gedicht_Der+Berg.htm
Bai Juyi: Der Traum von der Bergersteigung
https://www.bergwelten.com/a/bai-juyi-der-traum-von-der-bergersteigung
4. Wortschatz
Gebirge, Berg, Schiefer, Fels, Stein, Geröll, Basalt, Gletscher, karg, Bergquell, Lawine, Schnee, Eis, Fichte, Tanne, Tal, Gipfel, Kreuz, Plateau, Felswand, Alm, wandern, steil, Schutt, Kiesel, Bergsteiger, hoch, Kiefer, Gefälle, Hang, Massiv, Erhebung, Bergkuppel, Bergkegel, Halde, Hügel, Abhang, Steigung, Felsspalte, Hochland, Krater, Bergrücken, Vorgebirge, Bergkette, Edelweiß, Berghütte, Gestein, Schotter, Kies, Felsbrocken, Kamm, Grat, Joch, Scharte, Rinne, Flanke, Kamin, Sattel, Steinschlag, Felssporn, Felsband, Mure, Riss, schroff, M, Firn, Mulde, Talkessel, Moräne, Höhle, Grotte
5. Symbolik
In der Kunst waren Berge und das Gebirge ein beliebtes Motiv. Unter anderem gibt es einige Bergmotive von Gabriele Münter. Zwischen 1904 und 1908 haben Kandinsky und Münter, die ein Paar waren, verschieden Reisen unternommen. Auch in die Bayrische Provinz oder nach Südtirol. Einige der bekanntesten Bilder des Landschaftsmalers Caspar David Friedrich zeigen Bergmotive. Und natürlich darf man Cezanne nicht vergessen, der immer denselben Berg in unterschiedlichen Stimmungen gemalt hat – insgesamt siebenundachtzig Mal.
Zur Symbolik des Berges: Der Berg wird oft als Mittelpunkt der Welt aufgefasst. Er verbindet Himmel und Erde. So galt Golgatha im mittelalterlichen Christentum als Weltmitte. Man kann auch an Atlas als Säule des Himmels denken. Gleichzeitig ist der Berg oft Sitz der Götter. Man denke an den Olymp. Auf Zion hatte Jahwe seinen Wohnsitz. Manchmal werden Berge auch mit Göttern gleichgesetzt. So hatte Enlil, der sumerische Zeus, den Beinamen „Großer Berg“. Der Donnerberg in der Pfalz ist dem Gott Donar geweiht. Damit ist der Berg ein Symbol der Spiritualität. Aber auch der Läuterung, etwa in Dantes Göttlicher Komödie.
Der Berg kann auch die Geburt symbolisieren (-> Höhle), aber vor allem das Jenseits. Die Besteigung des gläsernen Berges im Märchen versinnbildlicht die Reise ins Jenseits. Golgatha galt als Grab Adams und im Kyffhäuser liegt Barbarossa begraben. In der Göttlichen Komödie beschreibt Dante das Fegefeuer als Berg der Läuterung.
Der Stein kann auch als Wohnsitz von Göttern gelten. Man denke nur an Bethel, das Haus Gottes. Aus dem Stein kann Leben entspringen. Viele Flüsse haben im Gebirge ihre Quelle. So wurde der Gott Mithras aus einem Stein geboren. Aus dem in der griechischen Sage von Deukalion und Pyrrha hinter sich geworfenen Stein entspringt ein neues Menschengeschlecht. Wie der Berg kann der Stein oder Fels als Weltenmitte interpretiert werden. Als Beispiel sei der schwarze Stein in Mekka, die Ka’aba genannt.
Berge sind aber auch ein Hindernis, eine natürliche Grenze. Und so stellen sie auch eine Herausforderung dar. Ich denke dabei zum Beispiel an das Lied „You gave me a mountain“, das auch von Elvis interpretiert wurde.
Der Berg ist darüber hinaus Symbol der Unerschütterlichkeit. Die Berglandschaft verweist zudem auf Verlassenheit, Begrenztheit und Weltferne.
6. Stilmittel
Metapher:
So funktioniert die Metapher: Ein Ausdruck wird aus seinem ursprünglichen Bedeutungszusammenhang in einen anderen übertragen. So entsteht eine neue Bedeutung. Die Metapher erzeugt dadurch ein Bild vor dem inneren Auge des Lesers. Metaphern werden deshalb auch als „sprachliche Bilder“ bezeichnet.
Beispiele
-
Sie hat ein Herz aus Gold.
-
Das Leben ist ein Marathon, kein Sprint.
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Er ist ein Fels in der Brandung.
-
Das Licht am Ende des Tunnels.
7. Hilfsmittel
8. Exemplarische Vorgehensweise
Als Bildebene verwende ich den Mythos von Sisyphos. Sisyphos musste in der Unterwelt als Strafe einen Fels einen Berg hochrollen, der aber kurz vor dem Gipfel wieder herunterrollte. Die Sinnebene ist "Einen Text lesen und verstehen"
Sisyphos Logos
Der erste Satz kam mir in den Sinn, als ich mit schwerer Tasche voll Bücher in der Bahn saß. Erinnere Dich an die beiden Tipss: Gib deiner Kreativität Raum, lass deine Gedanken schweifen. Und schreibe über das was du siehst, fühlst, riechst oder hörst.
Die Büchertasche hängt
wie ein Felsblock um meinen Hals.
Der Felsblock hat mich sofort an Sisyphos erinnert. Und ich hatte gerade ein Buch, dass sehr ermüdend war. Ich habe die Bildebene also mit der Sinnebene verknüpft.
Ich wälze die
ermüdend langen Sätze
Die Kuppe meines Gehirns hinauf.
Bei dem nächsten Satz habe ich mich stark am Mythos orientiert. Kurz vor der Erlösung, dem Gipfel, macht Sisyphos einen Rückschritt. Besonders bei Tal der Verständnislosigkeit sind Sinn- und Bildebene direkt gegenübergestellt.
Immer wenn sich der Sinn
auf dem Gipfel der Anstrengung
zu lösen scheint,
übermannt mich das Gewicht der Worte
und reißt mich mit hinab
ins Tals der Verständnislosigkeit.
„Verschachtelt“ wegen Schachtelsatz, die besonders schwer und ermüdend sind. Dann das Motiv des ins Tal rollenden Felsen.
Die in die Tiefe rollende Aussage
verschachtelt sich tiefer.
Dann beginnt Sisyphos seine unendliche Arbeit von Neuem und ich beginne den Satz aufs Neue zu lesen. Lesen ist das verbinden von Buchstaben zu Silben zu Worten.
Ich verbinde einige Silben
und beginne den Buchstabenbrocken
erneut die zunächst
sanfte Hebung hinauf zu stemmen.
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