Schreibkurs 09 - Traum

1. Einleitung

In diesem Kapitel wollen wir uns mit dem Traum beschäftigen.

Der Traum ist ein sehr gutes Thema für einen eigenen Text. Das Träumen haben alle Menschen gemein und das Thema zieht sich durch die Literatur und Kunst. Die geträumten Personen, Sachen und Ereignisse erhalten eine übertragene Bedeutung, werden zum Symbol. Daher eignen sich Traumbilder und Trauminhalte hervorragend für die Lyrik. Traum und Dichtung stammen aus dem gleichen dunklen Mutterschoß des Unbewussten.

Ein Zugang zu dem Thema, kann das Beschreiben der eigenen Träume sein. Auch wenn ich Traumsymbolik-Lexika nicht für das Deuten der eigenen Träume empfehlen würde, da ja jedes Bild für den Träumer eine eigene Bedeutung hat, können sie als Inspirationsquelle für das eigene Gedicht dienen. Schon die alten Ägypter kannten Traumbücher, in denen zum Beispiel das Trinken von Blut als Hinweis auf Kampf gedeutet wird. Im Traumbuch des Artimedoros von Daldis stehen Perlen für Tränen und Äpfel für Liebesglück.

Auch eine Beschäftigung mit Jungs Archetypen kann fruchtbar sein. Die Archetypen sind allen Menschen gemeine Bilder und Figuren, die in unseren Träumen erscheinen.

Neben dem Traum im Schlaf eignet sich das Thema auch für Tagträume oder den Traum als Wunsch.

Inspiration über Traumsymbolik
Online-Traumlexika sind zwar mit Vorsicht zu lesen, aber wenn man Ideen statt Fakten sucht, können sie nützlich sein. Ich stolpere über das Brautkleid. Damit kann man was anfangen. Das Hochzeitsglück will ich umkehren. Dafür und um eine surreale, traumähnliche Atmosphäre zu erzeugen, nutze ich ein Oxymoron. Das Brautkleid wird schwarz. Der Apfel steht für Liebesglück. Ich habe eine Idee das umzukehren, die würde es aber wahrscheinlich nicht ins fertige Gedicht schaffen. Dann haben wir noch die Perlen, die für Tränen stehen. Perlen sind Schmuck. Tränen als Schmuck? Passt.

Das schwarze Brautkleid sammelt Staub.
Mit der Trauer schloss die Witwe
den ewigen Bund.
(Sie isst den Apfel mit dem Wurm.)
Sie trägt nur Perlen der Traurigkeit als Schmuck.

Inspiration über Recherche
Wir erfahren, dass laut einer Studie von 2021 das „Fallen“ der häufigste Traum ist. Fallen, Taumeln, Schwanken → Gewissheit schwankt.

Aus der tragenden Höhe der Gewissheit
stürze ich in schwindelnde Abgründe
nachtschwarzen Zweifels.

Es gibt berühmte Träume. Einer der bekanntesten ist der aus der Bibel, mit den sieben fetten Jahren und sieben mageren Jahren. Statt Kühe und Ähren, wählen wir einfach etwas anderes.

Sieben fette Maden mästen sich
im Fett der Habgier.
Sieben dürre Krähen flattern vom
fruchtlosen Acker auf.

Inspiration über Archetypen
Es gibt den Archetypus des Helden. Der frühe Held, zum Beispiel im alten Sumer, wurde mit Keule und als Löwenbezwinger dargestellt.

Da mag der Held seine Keule schwingen,
der Heldin reicht der Wink eines Fingers.

 

2. Schreibübung

Schreibaufgabe

a) Schreibe einen Text zum Thema Traum.
b) Verwende das Stilmittel Synästhesie.

Extra Schreibübung
Notiere Dir jeden Morgen den ersten Satz, der dir nach dem Aufwachen durch den Kopf geht. Tu dies fünf Tage lang. Schneide die einzelnen Sätze aus und suche eine neue Reihenfolge nach dem Schema des Triolett.

1. Satz
2, Satz
3. Satz
1, Satz
4. Satz
5. Satz
1. Satz
2. Satz

Extra Schreibübung

Von Goethe zu Hesse haben viele Schriftsteller Traumtagebücher geführt und aus diesen Ideen für ihre Texte geschöpft.
Schreibe morgens deine Träume auf. Je regelmäßiger du das tust, desto umfangreicher werden die Erinnerungen an die Träume. Nutze die Inhalte deiner Träume, um dich zu Texten inspirieren zu lassen.

3. Zum Einstimmen ein Gedicht

Hätt ich des Himmels reichbestickte Tücher,

bestickt aus Golden- und aus Silberlicht,

die dunklen, die blauen und die hellen Tücher,

aus Nacht, aus Tag und aus der Dämmerung,

legt ich die Tücher dir zu Füßen.

Doch ich bin arm und habe nichts als Träume,

so leg ich meine Träume dir zu Füßen.

Tritt leise, denn du trittst auf meine Träume.

William Butler Yeats

https://poets.org/poem/aedh-wishes-cloths-heaven

weitere Beispiele

Charles Baudelaire: Die Eulen
https://www.aphorismen.de/gedicht/122057

Hugo von Hofmannsthal: Wir sind aus solchem Zeug wie das zum Träumen:
https://www.aphorismen.de/gedicht/119557
Rainer Maria Rilke: Der Träumer:
https://www.aphorismen.de/gedicht/149571
Schmetterlingstraum:
https://www.aphorismen.de/zitat/13894
Georg Heym: Alle Landschaften haben sich mit blau gefüllt:
https://www.aphorismen.de/gedicht/143504
Edgar Allan Poe: Ein Traum in einem Traum:
https://www.aphorismen.de/gedicht/225752
Franz Kafka: Ein Traum
https://de.wikisource.org/wiki/Ein_Traum

4. Wortschatz

Traum, Alptraum, Alpdruck, schlafen, schlummern, Bett, Nacht, Dämmerung, Chimäre, Phantasmen, Traumbild, Kaleidoskop, Dunkelheit, Kopfkissen, Schlaf, Wunsch, Utopie, Angsttraum, Klartraum, Tagtraum, Vision, Wachtraum, Kindheitstraum, Lebenstraum, Liebestraum, Menschheitstraum, Hirngespinst, Illusion, Sehnsucht, Verlangen, Wunschdenken, Traumgebilde, Wunschtraum, traumhaft  alptraumhaft  traumlos  träumerisch  traumverloren  traumwandlerisch  verträumt, ruhen, dösen, pennen, ratzen, Morpheus’ Arme, Nickerchen, ausgeschlafen,schlaftrunken

5. Symbolik

Der antiken Mythologie nach, gibt es zwei Traumtore, eines für die profanen Träume aus Elfenbein und eines für die wahren Träume von den Göttern aus Horn. Der Traum reflektiert unser Innenleben und unseren Alltag, aber manchen Träumen wurde auch hellseherische Funktion zugeschrieben. Die legendäre Ursula von Köln soll in einem Traum von ihrem bevorstehenden Martyrium durch einen Prinz der Hunnen und die Belagerung von Köln erfahren haben. Es gibt einige berühmte Träume, die als Grundlage für ein Gedicht dienen können: Dem legendären Odysseus soll die Idee vom Trojanischen Pferd durch Athene in einem Traum eingeflüstert worden sein. Dem biblischen Jakob erscheint die Himmelsleiter im Traum. Daniel deutet den Traum Nebukadnezars. Den 1922 erstmals von H. P. Lovecraft verwendete Begriff Necronomicon will dieser in einem Traum erfunden haben. Es gibt auch Sammlungen von Träumen in Buchform, die als Inspiration dienen können.

Neben dem Traum im Schlaf, gibt es auch den Tagtraum und den Traum als Wunsch oder Sehnsucht. Man denke an Martin Luther Kings berühmte Worte: „I have a dream“ aus seiner Rede vom 28. August 1963. Es gibt Lichte Träume, in denen sich der Träumende des Traums bewusst ist und gestaltend in ihn eingreifen kann.

Der Daoismus setzt Traum und Wirklichkeit gleich. Im berühmten Schmetterlingstraum aus dem „wahren Buch vom südlichen Blütenland“, träumt der Gelehrte, er sei ein Schmetterling. Nach dem Aufwachen fragt er sich, ob er nicht ein Schmetterling sei, der träumt ein Mensch zu sein. Shakespeares „Sommernachtstraum“ entführt uns in eine Welt der Täuschungen und Märchen. Alice im Wunderland zeigt eine Welt, in der die Traumgesetze herrschen. Die physikalischen Gesetze und die der Logik lösen sich im Traum auf. Das schafft Raum für Fantasie und surreale Bildsprache.
Der Traum ist Symbol einer höheren Offenbarung, der Seele, des Gewissens und des Unbewussten, des Vergänglichen und der Täuschung.

6. Stilmittel

Synästhesie wird der Umstand bezeichnet, dass mehrere Sinnseindrücke miteinander vermischt werden. Somit können Töne schmecken oder Farben duften.

Ihr Duft war wie herrlicher Gesang von tausend Flötenstimmen
Der goldene Topf, E.T.A. Hoffmann

  • Die blauen Klänge des Meeres riefen sich mir in Erinnerung.

  • Der saftige Apfel schmeckte gülden wie die Morgensonne.

  • Nie sah ich ein süßeres Rot, so süß wie der Honig, so rot wie die Rosen

7. Hilfsmittel

8. Exemplarische Vorgehensweise

Bei diesem Beispiel möchte ich mal von einem Bild ausgehen. Betrachten wir Henri Rousseaus „Der Traum“. Wir sehen eine Dschungellandschaft.

Nun kann man dazu frei assoziieren. Sich Geschichten zu den einzelnen Details ausdenken. Es schadet aber nicht, sich mit Recherche noch ein paar Anhaltspunkte zu verschaffen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Rousseau

Henri Rousseau war mitnichten ein Forschungsreisender, sondern ein Zöllner, der Frankreich nie verlassen hat. Inspiriert haben ihn die Weltausstellungen. fremde Länder hat er nie bereist. All die exotischen Gegenden auf seinen Bildern, haben sich im Traum, in seiner Phantasie geformt. Dieser Gegensatz zwischen seinem Leben und seinem Werk, den Gegensatz zwischen Traum und Wirklichkeit kann man als Anlass nehmen, in dem Gedicht auch mit Gegensätzen zu arbeiten.

Wir erfahren auch, dass Rousseau in dem Bild, mehr als fünfzig verschiedene Grüntöne verwendet hat. Hier bietet es sich an, sich einen Kleinen Wortschatz zu Grüntönen zurechtzulegen.

Farben sind wichtig, wenn man mit Worten innere Bilder malen möchte. Es gibt dabei Farben, die den Zusatz grün benötigen (ölgrün, berggrün) und solche, in denen die Farbe bereits drinsteckt (asterblau, fliederblau). Die zweite Gruppe eignet sich gut, eine Häufung des Farbnamen (zB grün) zu vermeiden. Man sagt dann einfach „fliederfarben“. Mit diesen Farbbenennungen lassen sich auch hervorragend Wortneuschöpfungen schaffen.

Betrachten wir nun das Bild. gezeigt werden: Dschungel, Blätter, Flechten Pflanzen, Flötenspieler, Affen, Früchte, nackte Frau, Raubtiere, Schlange (Wurm?), Vögel, Elefant etc. Jedes Bildelement kann zum dichten einer Strophe dienen.

Assoziieren wir zunächst: Dschungel -> Hitze -> schwül

schwül -> geschmolzen, verschwitzt, nass, feucht

feucht -> geschmolzen, tropfen, schwimmen

Nun ein paar Wortneuschöpfungen, die Grüntöne mit dem Feucht-Motiv verbinden. Ich arbeite da gerne lautmalerisch bei der Auswahl:

fuchsitverschwitzt (i-i), türkisschwül (ü-ü), smaragdfeucht, jadenass (a-)

Dann folgen wir dem Muster Beschreibung/Traum -> Gegensatz/Wirklichkeit

Die fuchsitverschwitzte Hitze tropft
ölgrün von den Blättern.

Doch die nordkühle Luft streicht
meine trockene Haut.

verschwitzt passt vom Klang zu Hitze (Assonanz) und ölgrün zum Tropfen. Daher diese Wahl

Die smaragdfeuchte Sonne schwimmt
in einem azurfremden Himmel.
Doch mein blauschimmernder Teint bleibt blass.

Nehmen wir uns das zentrale Motiv, die Frau vor. Der Traum einer nackten Frau hat offensichtlich mit Sehnsucht, Begehren zu tun. Auf der anderen Seite ist sie nicht wirklich, nicht greifbar, nicht zu berühren. Die Sehnsucht kann also keine Erfüllung finden.

Die in Sehnsucht gehüllte Nymphe
streckt ihren Arm nach mir aus.
Doch mein Begehren greift
durch sie hindurch wie
durch einen Schleier von Licht.

Das Raubtier, das im Dschungel verborgen hockt, darf man in Zusammenhang mit der Frau sicher als den tierischen Trieb interpretieren. Und wieder Gelegenheit ein wenig Grün einzuflechten.

Im jaderaschelnden Gebüsch verborgen
funkelt ein Tier
im Bann weiblicher Blöße.

Nun zum Vogel. Er schaut vom Geschehen weg, wirkt unbeteiligt. Wir wollten mit Gegensätzen arbeiten: Stoisch, unbeteiligt, unbewegt <-> unruhig, zappeln, fuchteln

Der stoische Vogel thront unbeteiligt
auf seinem Zweig.
Das Fuchteln meines
neugierigen Blickes
sträubt keine Feder.

Nun nehmen wir uns die Früchte vor. Die „Früchte des Traums“ könnte man weiter ausbauen. Ich aber denke an die griechische Mythologie. Die Früchte sind verlockend, aber nicht greifbar, entziehen sich dem Träumer, weil sie nicht wirklich sind. Da passt eine kulturelle Referenz zum Tantalos-Mythos gut, der sogar als Tantalos-Qualen sprichwörtlich geworden ist.

Die Früchte hängen voll und saftsatt vom Ast,
doch weichen vor meinen Tantalos-Pranken zurück
in eine Ferne der Unwirklichkeit.

Jetzt wollen wir mal tief ins Fass der Synästhesie greifen.

Das schwüle Grün singt süßes Fernweh.

In diesem Satz steckt nicht nur Synästhesie (grün=sehen, schwül=fühlen und singen=hören, süß=schmecken), sondern noch 3 weitere Stilmittel: Personifikation (Grün singt), Schwül grün süß = Assonanz, sing süßes = Alliteration. Und Grün steht für Grüne Pflanzen, das nennt man Metonymie.

Es bleiben noch einige Bildmotive, aber man muss nicht alles einbauen. Ich denke noch einmal an den Flötenspieler. Er erinnert an einen Schlangenbeschwörer. Den Begriff „Traum“ haben wir noch nicht benutzt. Beides zusammen ergibt einen schönen Schlusssatz:

Die hypnotischen Flötentöne des dunklen Mannes
locken mich tiefer in den Traum.

 

9. Bilder

William Blake: Hiobs böser Traum

Henri Rousseau: Der Traum

Nicholas D’Ypre: Jakobs Traum von der Himmelsleiter

Odilon Redon – Der Traum 1904