Schreibkurs 02 - Wüste

1. Einleitung

Arbeiten mit einem Wortschatz

"Mir fehlen die Worte" – Damit unsere Ideen fassbar werden, drücken wir sie in Worten aus. Du hast vielleicht ein bestimmtes Thema gefunden, zu dem du ein Gedicht schreiben möchtest. Aber es kommen keine Ideen. Dann kann es ein guter Einstieg sein, sich erstmal einen Wortschatz anzulegen. Das ist eine Liste von Worten, die zu dem Thema passen.

Ich würde dabei lieber ein Wort zuviel aufschreiben, als zu wenig. Denn aussortieren kann man immer. Mache ein Brainstorming, schreibe alles auf, was dir einfällt und schaue auch mal im Internet, ob sich da vielleicht schon Wortlisten finden lassen. Zum Beispiel haben schon die Brüder Grimm einen Wortschatz mit Liebeswörtern verfasst.

Im Grunde handelt es sich bei einem Wortschatz um eine Wortliste. Listen sind die älteste Literaturform. Schon die alten Sumerer haben mit der Keilschrift zunächst Listen angefertigt. Wortlisten sind sehr hilfreich und eine gute Inspirationsquelle. Man kann eine Liste von Worten in Ruhe durchgehen und eines auswählen, das einen anspricht. In jedem Wort liegt der Samen zu einer neuen Idee verborgen.

Auch Wörterbücher sind Listen von Worten. Zufälliges Blättern im Duden kann schon zu Ideen führen. Besonders nützlich sind aber die Online-Wörterbücher. Dort findet man Synonyme, das Gegenteil, Antonyme und Wörter aus dem Kontext. Im Wortschatz der Uni Leipzig findet man auch die Dornseiff Bedeutungsgruppen. Dornseiff hat die Wörter nach Themen und nicht alphabetisch sortiert. Sehr nützlich als Inspirationquelle. Ich kann die Arbeit mit Wörterbüchern nur empfehlen.

Beispiel: Nehmen wir an wir suchen eine Art der Fortbewegung. Ich gebe einfach "laufen" beim Wortschatz der Uni Leipzig ein und finde etliche Synonyme. Dazu mehre Bedeutungsgruppen zu den Themen: Fortbewegung, Reise zu Land, Schnell, Leichtathletik

https://corpora.uni-leipzig.de/de/res?corpusId=deu_news_2022&word=laufen

Eine interessante Möglichkeit ist es, zwei Wortschatze miteinander zu verweben. Vielleicht gegensätzliche Begriffe, die das Gedicht dann interessant machen und Spannung erzeugen. Ich habe das unter Punkt 8 einmal für das Thema Wüste gemacht, indem ich es mit einem Wortschatz "Garten/Frühling" verknüpft habe. Als Schreibhilfe findest du in jedem Kapitel einen Wortschatz zum jeweiligen Thema.

Inspiration über Wortschatz
Ich mische dafür wieder 2 Wortschatze. Zum einen zum Thema "Wüste" und zum anderen den Wortschatz aus dem letzten Kapitel "Schreiben". Die Wüte wirkt leer und öd, das kann man gut mit Gedankenleere und wenigen Ideen vergleichen. Dann wollen wir noch die Fata Morgana als Wunschtraum einbauen. Das Bild der erfrischenden Oase nutzen wir für "frische Ideen".

In der Wüste meines Empfindens, sind alle Gedanken verdorrt.
Die Oase frischer Ideen flimmert nur als Wunsch am Horizont.

Inspiration über Bilder
Wir wählen d
as Wüstenbild von Guillaumet Den größten Teil nimmt der Himmelein, mit goldenem Licht. Im Vordergrund sehen wir zentral einen Kadaver eines Kamels. Um eine Deutungsebene einzubringen, nutzen wir das Stilmitel der Personifikation.

Gleichgültig dehnt sich das goldene Licht in den Himmel,
während der gandenlose Wüstensand den Kadaver verschlingt.

Inspiration über Recherche:
Das erste Bild in diesem Kapitel ist von Dali, die Versuchung des Antonius, ein beliebtes Thema der Kunst. Forschen wir nach, erfahren wir das Antonius als der erste Wüstenvater gilt, ein Eremit, den der Teufel in der arabischen Wüste mehrmals versucht haben soll. Welcher Art könnte die Versuchung sein? Bei Dali sehen wir auf einem der Elefanten Frauenbrüste. Ein gutes Bild für fleischliche Begierde, sowohl sexueller als auch nutritiver Hinsicht. Sie können auch für menschlcihe Nähe und Wäörme stehen. Das setzen wir nun in einen gegensatz zur Einsamkeit der Wüste.

Selbst in der Einsamkeit der Wüste
findet der Teufel mich und
reibt mir die satten Brüste der Versuchung
ins Gesicht.

2. Schreibübung

Schreibaufgabe
a) Schreibe einen Text zum Thema „Wüste“. Verwende dabei einen oder mehre Wortschatze.
b) Versuche das Stilmittel der Personifikation zu verwenden.

Extra Schreibübung

Schnipseltechnik
Nimm dir einen Text und zerschneide ihn zu einzelnen Wörtern. Ich habe einmal die Wörter aus meinen Gedichten notiert, die ich oft und gerne verwende. Die einzelnen Wortschnipsel packe in einen Umschlag und ziehe eine Anzahl Schnipsel.im Losverfahren. Nimm nicht zu wenige, dann hast du nicht genug Fleisch für den Text. Ziehe aber auch nicht zu viele, dann blockiert die Unübersichtlichkeit der Auswahl. Etwa 15 bis 20 sind angemessen.

Schiebe die Schnipsel herum, ordne sie unterschiedlich an und spiele mit den Worten. Ein Substantiv darf auch zu einem Verb gemacht werden (Übung → üben). Oder zu Adjektiven (Traurigkeit → traurig). Wenn dir Wörter einfallen, die nicht auf den Schnipseln stehen, dann verwende sie gerne.

Formuliere aus den Wortschnipseln einzigartige Sätze. Das funktioniert immer! Denke nicht über Sinn oder Unsinn nach. Mache dich frei von Ansprüchen und Bewertungen. Gehe die Übung spielerisch an. Viel Spaß!

Im Anhang werde ich meine eigene Wortliste anfügen. Drucke auf festem, farbigen Papier aus. Wenn der Grundwortschatz farbig ist, kannst du ihn mit anderen Wortschatzen, zum Beispiel aus diesem Kurs, kombinieren. Zum Beispiel mit dem Liebeswortschatz aus Kapitel 04.

3. Zum Einstimmen ein Gedicht

Der Baum in der Wüste

Es steht ein Baum im Wüstensand.
Der einzige, der dort gedieh;
Die Sonne hat ihn fast verbrannt,
Der Regen tränkt den durst′gen nie.

In seiner falben Krone hängt
Gewürzig eine Frucht voll Saft,
Er hat sein Mark hineingedrängt,
Sein Leben, seine höchste Kraft.

Die Stunde, wo sie, überschwer,
Zu Boden fallen muß, ist nah,
Es zieht kein Wanderer daher,
Und für ihn selbst ist sie nicht da.

Friedrich Hebbel: Der Baum in der Wüste

Weitere Beispiele:

Wilhelm Willms: Traum in der Sahara
https://www.aphorismen.de/gedicht/222343

Clemens Brentano: Ich bin durch die Wüste gezogen…

https://gedichte.xbib.de/Brentano_gedicht_Ich+bin+durch+die+W%FCste+gezogen....htm

Friedrich Nietzsche: Die Wüste wächst

https://gedichte.xbib.de/Nietzsche_gedicht_Die+W%FCste+w%E4chst.htm

4. Wortschatz

Wortschatz Wüste:

Wüste, Sand, Sonne, brennen, Oase, Düne, Sandsturm, Betonwüste, trocken, Hitze, Kamel, Wüstenschiff, Dürre, Fata Morgana, Durst, Eiswüste, schwitzen, karg, unwirtlich, unfruchtbar, Öde, Steinwüste, ausgedörrt, sengend, Palme, Schlange, Skorpion, unerbittlich, Staub, verdorrt, Horizont, Leere, Einsamkeit

5. Symbolik

Als erstes kommt mir beim Thema „Wüste“ Salvadore Dali in den Sinn. Er hat ja einige surrealistische Bilder vor einem Wüstenhintergrund gemalt. In Bolivien gibt es sogar die Salavdor-Dalí-Wüste, die surreale Feldformationen aufweist. Auch Georgia O’Keeffe hat in New Mexico Inspiration gesucht und Wüstenlandschaften geschaffen. Von David Hockney. Gibt es ein sehr großes und beeindruckendes Wüstenbild, das eine unglaubliche Leuchtkraft hat. Auch die Dichterin Else Laske-Schüler hat einige wüstennahe Bilder gezeichnet (Jussuf reitet durch die Wüste, Durch die Wüste Sinai).

Im Werk von Albert Camus klingt die Wüste manchmal an. 1951 beantwortete er sich in seinen Tagebüchern die Frage nach seinen „zehn bevorzugten Wörtern“, das sechste ist die Wüste. Man kann auch an den „kleinen Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry denken. Aber für eigene Erfahrungen mit der Wüste liegt der Ort für deutschsprachige Dichter in der Regel zu weit entfernt, die Wüste erscheint mehr als mystischer Sehnsuchtsort. So bin ich ziemlich sicher, dass etwa Liliencron nie selbst in einer Wüste war.

Bei den Ägyptern galt die Wüste als Reich des Gottes Seth und als Eingang zum Totenreich. In der Bibel ist der Zug durch die Wüste eine Gottesprüfung. Die lebensfeindliche Wüste ist ein Ort der Gottesferne, so wurde ja auch Jesus in der Wüste versucht. Die Wüste ist auch der Ort, wo der Sündenbock hingetrieben wird. Die Wüste ist auch ein Ort der Weltabgeschiedenheit und Menschenferne, wohin sich Eremiten zurückziehen. Die Wüste steht für Gottesferne, Prüfung, Abgeschiedenheit, Krankheit und Tod. So ist die Wüstengottheit Nergal bei den Alten Sumerern auch der Gotte diverser Krankheiten, die mit dem Wüstenwind kommen. In meiner eigene Dichtung steht die Wüste in der Regel für Einsamkeit und Gefühlsarmut.

Als Motiv der Einsamkeit und Isolation taucht die Wüste auch bei Flaubert auf: „Wir leben alle in einer Wüste – keiner versteht keinen“. Als ähnliche Metapher verwendet Stendahl die Wüste: „Jeder für sich in dieser Wüste des Egoismus, die man das Leben nennt!“

Allgemein ist die Wüste in der Literatur Symbol der Gottesferne und der mysthischen Reinheit. Auch Symbol der entgrenzten Einbildungskraft, der absoluten Freiheit und existentellen Verlassenheit.

 

6. Stilmittel

Man benutzt die Personifikation, um zum Beispiel Tiere, Pflanzen, abstrakte Begriffe, Naturerscheinungen zu vermenschlichen.
Man schreibt ihnen menschliche Eigenschaften zu, damit sie lebendiger wirken:

Der Himmel weint.
Die Blätter tanzen.

oder

Natur schläft – ihr Odem steht,
Ihre
grünen Locken hangen schwer,
Nur auf und nieder
ihr Herzschlag geht
Ungehemmt im heiligen Meer.“
(Annette von Droste-Hülshoff)

7. Hilfsmittel

a) Schnipseltechnik

Nimm dir einen Text und zerschneide ihn zu einzelnen Wörtern. Ich habe einmal die Wörter aus meinen Gedichten notiert, die ich oft und gerne verwende. Die einzelnen Wortschnipsel packe in einen Umschlag und ziehe eine Anzahl Schnipsel.im Losverfahren. Nimm nicht zu wenige, dann hast du nicht genug Fleisch für den Text. Ziehe aber auch nicht zu viele, dann blockiert die Unübersichtlichkeit der Auswahl. Etwa 15 bis 20 sind angemessen.

Schiebe die Schnipsel herum, ordne sie unterschiedlich an und spiele mit den Worten. Ein Substantiv darf auch zu einem Verb gemacht werden (Übung → üben). Oder zu Adjektiven (Traurigkeit → traurig). Wenn dir Wörter einfallen, die nicht auf den Schnipseln stehen, dann verwende sie gerne.

Formuliere aus den Wortschnipseln einzigartige Sätze. Das funktioniert immer! Denke nicht über Sinn oder Unsinn nach. Mache dich frei von Ansprüchen und Bewertungen. Gehe die Übung spielerisch an. Viel Spaß!

Im Anhang werde ich meine eigene Wortliste anfügen. Drucke auf festem, farbigen Papier aus. Wenn der Grundwortschatz farbig ist, kannst du ihn mit anderen Wortschatzen, zum Beispiel aus diesem Kurs, kombinieren. Zum Beispiel mit dem Liebeswortschatz aus Teil 05.

 

b) Folgende Website bietet viele schöne Wortlisten:

https://sternenvogelreisen.de/category/wortschaetze/

 

8. Exemplarische Vorgehensweise

Wüstenfrühling

Im ersten Satz verbinde ich die Begriffe aus dem ersten Wortschatz "Wüste" und "Oase" mit "blühen" aus dem zweiten Wortschatz. Die "Oase" stellt natürlich ein gutes Bindeglied dar. Statt zu schreiben "In der Wüste liegt eine Oase" verwende ich "blühen", so klingt das lyrischer.

In der Wüste blüht eine Oase.

Jeder kennt den erfrischenden Effekt frischer Beeren. Ich nutze diese Erfahrung um die Erleichterung des Ankommens in der Oase zu verbildlichen.

Der frische Saft der Beeren
löscht in meinem Mund
den Geschmack von Staub.

Hier haben wir die erste Verwendung unseres Stilmittels. Der Sand wird vermenschlicht. Wieder werden Öde der Wüste und Leben der Oase gegenübergestellt. Wasser symbolisiert Leben in vielen Kulturen. Statt blau zu schreiben verwende ich einen lyrischen Farbbegriff. Edelsteine eignen sich gut Farben zu verdeutlichen (zB smaragdgrüner Dschungel). Siehe auch Kapitel "Farben".

Dem unbarmherzigen Sand
entspringt ein saphirklarer Quell.

Nun lasse ich die Oase in die Wüste ausgreifen. Dieses Phänomen eines plötzlichen Blumenmeeres gibt es wirklich, zum Beispiel in der Atacamawüste in Südamerika. Auch hier wird das Motiv der Fruchtbarkeit mit der Dürre der Wüste verbunden. Und wir habe noch eine Personifikation. Die Dünen sind "durstig".

Regenschwere Wolken
spülen ein buntes Blumenmeer
über die durstigen Dünen.

Der Schlusssatz soll einen hinweis auf die Intention geben: Wunscherfüllung, ein Traum wird wahr.

Die wunschflimmernde Fata Morgana
kleidet sich in feste Gestalt.

 

9. Bilder

Dali: Die Versuchung des heiligen Antonius

 Gustave Guillaumet: Die Wüste

David Hockney: Grand Canyon