Schreibkurs 04 - Liebe
1. Einleitung
Endlich wollen wir auf das Reimen zu sprechen kommen. Ich persönlich reime in den wenigsten Gedichten. Aber für viele Menschen ist der Reim das deutlichste Erkennungszeichen eine Gedichtes. Auf der einen Seite, schränken einen Reime schon stark ein, da es eben nur eine begrenzte Zahl von Reimen für jedes Wort gibt. Aber gerade das kann einem auch helfen. Denn man hat schon einemal einen Punkt, wo man für die nächste Zeile ansetzen kann. Das kann auch helfen, Ideen zu entwickeln. Unter dem Punkt "Stilmittel" werde ich einige der wichtigsten Reimschemata vorstellen. Außerdem einige gute Online-Reimlexika.
Das Thema, mit dem wir uns an Reimen versuchen wollen, lautet "Liebe". Es gibt eine Vielzahl gereimter Liebesgedichte. Wir haben es also mit einem ganz typischen Thema der Literatur zu tun. Auch ich schreibe oft Liebesgedichte. Allerdings meistens ohne Reime. Ich stelle mir dabei eine zweisame Situation vor oder beschreibe die Angebetete in lyrischen Worten. Das ist ein recht einfacher Zugang. Du gehst einfach durch, was dich an dieser Person besonders beeindruckt oder reizt.
Neben der Persönlichkeit und dem Aussehen der/des Geliebten, können auch der Abschied, Trennungsschmerz oder Sehnsucht Motive für ein Liebesgedicht sein. Man kann auch sich selbst und die eigenen Gefühle beschreiben, die Resonanz des anderen in sich selbst.
Inspiration über Wortschatz:
Wir wollen wieder zwei Wortschatze mischen: Liebe und Gebirge aus dem letzten Kapitel. Mit Gipfel kann man etwas anfangen, der steht symbolisch für das Allerhöhste. Aus dem Liebeswortschatz nehmen wir die Sehnsucht. Was reizt uns an der Liebsten besonders? Ihre Individualität. Aber die Liebste ist noch fern, wie ein Stern, den man am Nachthimmel in klaren Gebirgsnächten gut sehen kann.
Auf dem Gipfel meiner Sehnsucht leuchtet hell
der Stern deiner Einzigartigkeit.
Inspiration über Symbolik
Wir nehmen uns gleich drei Liebessymbole vor. Die Linde, Nachtigall und das Herz. Was sitzt auf den Ästen von Linden? Vögel. Was tun Vögel? Zwitschern. Was könnten sie zwitschern. Den Namen der Liebsten. Um zu zeigen, dass die Nachtigall tief im Laub verborgen ist, nutzen wir das Bild des Herzen. Welchen Zweck hat der Ruf des Vogels? Unliebsame Erinnerung.
Warum ruft die Nachtigall,
tief im Herz der Linde verborgen,
nur den Namen der Liebsten,
wo ich doch unter den Wurzeln
nach Vergessen grabe.
Inspiration über Bilder:
Wir nehmen uns das Bild von Munch an (Punkt 9). Es zeigt einen Abschied. Die Figuren sind voneinander abgewendet. Diesen Moment wollen wir in Worten einfangen. Wir wollen ausdrücken, dass sie ihn schon im Augenblick des Abschieds vermisst.
Die Liebste sucht sein Gesicht
schon sehnsuchtsvoll über dem Wasser,
noch ehe er sich ganz abgewendet hat.
2. Schreibübung
Schreibaufgabe
a) Schreibe ein Liebesgedicht.
b) Schreibe ein Gedicht mit Reimen.
Extra Schreibübung
Versuche dich an der malaysischen Gedichtform des Pantuns. Das Pantun besteht aus 8 Versen (1-8) , die Verse wiederholen sich, und 4 Reimen (a-d) nach diesem Schema:
1. Strophe 2. Strophe 3. Strophe 4. Strophe
1 (a) 2 (b) 5 (c) 7 (d)
2 (b) 5 (c) 7 (d) 3 (a)
3 (a) 4 (b) 6 (c) 8 (d)
4 (b) 6 (c) 8 (d) 1 (a)
3. Zum Einstimmen ein Gedicht
Willkomm und Abschied
Es schlug mein Herz, geschwind, zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht;
Schon stand im Nebelkleid die Eiche
Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.
Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah kläglich aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
In meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut!
Dich sah ich, und die milde Freude
Floß von dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich - ihr Götter!
Ich hofft es, ich verdient es nicht!
Doch ach, schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen welche Wonne!
In deinem Auge welcher Schmerz!
Ich ging, du standst und sahst zur Erden
Und sahst mir nach mit nassem Blick:
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!
Johann Wolfgang von Goethe
weitere Beispiele:
Erich Fried: Was es ist
https://www.deutschelyrik.de/was-es-ist-1039.html
Hohelied Salomos
http://www.combib.de/bibel/ue/hohe1.html
Walther von der Vogelweide: Under der linden
https://de.wikipedia.org/wiki/Under_der_linden#Text
4. Wortschatz
Mond, Sterne, See, Ozean, Augen, Haar, Sonne, strahlend, leuchten, duften, Honig, farben, Herz, erfreuen, Sehnsucht, Gestalt, Figur, zart, Mund, süß, Traum, Küsse, Hand, lieben, leise, Schimmer, glücklich, Engel, Blick, Lippe , Kirsche, Vogelgesang, Nachtigall, Paradies, Nektar, Purpur, Rosen, Rubin , schön, schmeicheln, Seufzer, Locke, Glut, Atmen, Atem, tanzen,Tränen, Trennungsschmerz, Meer, satt, Durst, dürsten, treu, umglänzen, umgreifen,· umranken,· umrauschen,· ewig, lieblich, wehen, Venus, Taube, verführen, glühen, Hauch, vertrauen, verwöhnen, Wange, Wind, weich, Zauber, zittern
5. Symbolik
Vom Hohelied Salomos über den Minnegesang, die Weimarer Klassik mit Goethe und Schiller, die Liebeslyrik der Romantik bis zu Erich Frieds berühmten "Was es ist" spielen Liebesgedichte in der Literatur eine herausragende Rolle. Besonders schön sind auch die Liebesgedichte von Pablo Neruda. Der Übergang zu erotischen Gedichten ist oft fließend.
Lioebessymbolik ist zahlreich. Natürlich das Herz, aber auch die Linde mit ihren herzförmigen Blättern und die Laute als Begleitinstrument des Liebeständchens. Die Erdbeere ist Symbol des Erotischen und der Verlockung. Der Schlüssel schließt symbolisch das Herz der Liebsten auf. Aber auch die Rose hat Liebessymbolik. Der Blumen umschwärmende Schmetterling symbolisiert den Liebhaber. Auch der Tanz kann auf Liebe und Verführung verweisen. Man denke an den Schleiertanz Salomes. Auch der Apfel gilt als Symbol der Liebe. Ebenso Amors Pfeil. Das rote Efeublatt und die Blaue Blume haben als Symbole der Liebe fungiert. Der Honig gilt als Symbol erotischer Lust. Die Myrte ist Symbol der Liebe ebenso die Nachtigall. Die Liste ließe sich wohl ewig fortsetzen.
6. Stilmittel
Paarreim (aabb):
Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.
Kreuzreim (abab)
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Umarmender Reim (abba)
Ein reiner Reim ist sehr begehrt,
doch den Gedanken rein zu haben,
die edelste von allen Gaben,
das ist mir alle Reime wert.
https://de.wikipedia.org/wiki/Reim#Reimfolgen
https://wortwuchs.net/reimschema/
7. Hilfsmittel
8. Exemplarische Vorgehensweise
Was mir als erstes einfällt, wenn ich an Zweisamkeit denke, ist dieser besondere liebevolle Blick der Geliebten. Ich überlege also, wie ich das in Worte fassen kann. Der Blick ist warm und leuchtet. Wie der Sonnenaufgang.
In deinen Augen glüht
der Sonnenaufgang.
Jetzt muss ich einen Reim auf "glüht" finden. Die letzte Zeile ist relativ klar: <Zeitspanne> lang. Bemüht, Gemüt, blüht. Ich wähle Gemüt und verbessere dann noch "glüht" zu "blüht". "Glühen" würde zwar besser zu dem Sonnenaufgang passen. Aber ich kombiniere gerne Wörter, die scheinbar nicht zusammenpassen, zu etwas Neuem. Und ein blühender Blick passt besser zu dem, was ich beschreiben will.
In deinen Augen blüht
der Sonnenaufgang.
Wärmt mir das Gemüt
viele Stunden lang.
Was als nächstes? Wenn verliebt ist, wenn man glücklich ist, hat man auch einen besonderen, beschwingten Gang. Eine Art Schweben.
Deine Schritte schweben
Aber wo? Resonanz in mir: durch meine Träume. Das schöne an "schweben" ist, dass es relativ viele Reime gibt: Kleben, heben, Leben, beben, weben, neben, geben ... Dafür ist der Plural "Träume" etwas schwierig. Ich nehme also lieber den Singular. Durch meinen Traum. Darauf reimt sich "kaum".
Deine Schritte schweben
durch meinen Traum.
Sie treten nie daneben.
Man hört sie kaum.
Bislang haben wir nur Beobachtungen. Ich möchte mich und die Geliebte näher zusammenbringen: Berührung. Das gefällt mir. Auf "berührst" reimt sich nämlich "spürst" und da hat man dann schöne die Wechselwirkung zwischen den Liebenden. Was soll die Geliebte spüren: Mein Herz in Flammen. Das ist ein gutes Bild für Leidenschaft. Mal schauen. Da gibt es zusammen. Das könnte etwas ergeben.
Wenn du mich berührst
zucke nicht zusammen.
Das was du spürst
ist mein Herz in Flammen.
Okay, das geht einigermaßen. Versucht euch doch zusätzlich mal an einem Liebesgedicht ohne Reime. Dann könnt ihr euch bei den Bildern mehr austoben.
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