Schreibkurs 11 - Vögel

1. Einleitung

Für dieses Kapitel habe ich „Vögel“ als Thema ausgewählt. Vögel sind immer als Metapher gut und dementsprechend gibt es zahlreiche Beispiele in der Literatur. In fast jedem Klima, in dem Menschen leben können, gibt es auch Vogelarten. Der Vogel ist also eine archetypische Grunderfahrung des Menschen. Ein Wasservogel ist die älteste Vogeldarstellung der Welt, aus Mammutelfenbein, ca. 33.000 Jahre alt.

Die verschiedenen Vogelarten lassen sich in unterschiedlichem Kontext einsetzen. Die Zugvögel wie Nachtigall, Schwalbe oder Graugans lassen sich in jahreszeitlichen Gedichten einsetzen. Sie ziehen im Herbst und Winter nach Süden. Ihr Orientierungssinn lässt sich als Metapher verwenden. Greifvögel wie der Falke oder Habicht sind mit der Jagd assoziiert. Ihr scharfer Blick lässt sich als Metapher verwenden. Ebenso ihr schwereloser, majestätischer Flug. Singvögel deuten auf Idylle und Naturverbundenheit hin. Sie lassen sich in Natur- und Gartengedichten verwenden. Das Vogelgezwitscher ist eine hervorragende Morgenmetapher. Aasfresser stehen eher für die Gnadenlosigkeit der Natur, den Tod und mit dem Geier für karge Landschaften und Genügsamkeit.

Es kann sich lohnen, in einem Naturführer oder Tierlexikon nach verschiedenen Vogelarten zu suchen, die manchmal sehr lyrische Namen haben. Auf Grundlage dieser Namen lässt sich dann ein Text aufbauen.

Inspiration über Symbolik
Der Rabe galt auch als Zeichen von bevorstehendem Unglück.

Im dunklen Flügelschlag des Raben nistet Unheil.

Inspiration über Vogelnamen
Assoziation: Eis → Frost - >nördlicher Polarkreis - >Mitternachtssonne

Die Eisente taucht durch den Frost
der Mitternachtssonne entgegen.

2. Schreibübung

Schreibaufgabe

a) Schreibe einen Text zum Thema „Vogel“.
b) Versuche das Stilmittel „Alliteration“ zu verwenden.

Extra Schreibübung

Wortkette
Bilde eine Wortkette. Wähle aus dem Duden ein Zufallswort und setzte die Kette dann fort. Das nächste Wort muss mit dem Buchstaben beginnen, mit dem das vorherige aufgehört hat. Schreibe das erste passende Wort auf, dass dir einfällt. Versuche dann aus den gefundenen Wörtern einen kleinen Text zu verfassen.

3. Zum Einstimmen ein Gedicht

Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem süßen Schall,
Da sind in Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen.

Sie war doch sonst ein wildes Blut;
Nun geht sie tief in Sinnen,
Trägt in der Hand den Sommerhut
Und duldet still der Sonne Glut
Und weiß nicht, was beginnen.

Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem süßen Schall,
Da sind in Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen.

Theodor Fontane

weitere Beispiele

Joachim Ringelnatz: Großer Vogel
https://de.wikisource.org/wiki/Großer_Vogel

Samuel Taylor Coleridge: Die Ballade vom alten Seemann
https://de.wikisource.org/wiki/Benutzer:A._Wagner/DER_ALTE_MATROSE

Edgar Alan Poe: Der Rabe
https://de.wikisource.org/wiki/Der_Rabe_(Übersetzung_Etzel)

 

 

4. Wortschatz

Vogel, Flügel, Vogelruf, zwitschern, fliegen, Feder, Schnabel, picken, krächzen, Vogelgesang, Krallen, Klauen, Raubvogel, Greifvogel, Singvogel, Gefieder, Geflügel, krähen, Vogelformation, flügge, schlagen, Ei, legen, brüten, Nest, Spanne, nisten, singen, Falkenauge, Adlerblick, Nest, quaken

5. Symbolik

Der Vogel steht für das Fliegen und die Freiheit. Der Vogel ist von alters her ein Symbol der körperlosen Seele, der freien Gedanken oder der Transzendenz. In den archaischen Kulturen symbolisieren Vögel auch Geister der Luft oder die zum Himmel aufsteigenden Seelen der Verstorbenen. Der Vogel verbindet Erde und Himmel und gilt oft als Götterbote. Entsprechend werden Mittler zwischen Irdischem und Göttlichem mit Flügel dargestellt, wie zum Beispiel der Götterbote Hermes oder die altorientalischen Mischwesen.

Taube: Die Taube ist besonders aus der Bibel mit dem Ölzweig im Schnabel bekannt. Sie steht für Hoffnung, Liebe und Frieden. Im alten Griechenland ist die Taube der Göttin Aphrodite zugeordnet. In der Bibel steht sie für den heiligen Geist. Die Taube steht auch für Unschuld. Die Friedenstabe auf blauem Grund ist weltbekanntes Friedenssymbol.

Adler: Er gilt als König der Lüfte und steht für Autorität, Freiheit, Königswürde, Kühnheit, Macht, Schnelligkeit, Sieg, Stärke, Stolz. Im alten Griechenland war der Adler dem Göttervater Zeus zugeordnet, bei den Germanen Odin. Zeus verwandelte sich im Ganymede-Mythos selbst in einen Adler. Der sumerische König Etana will auf den Flügeln eines Adlers zum Himmel fliegen, um dort ein Heilmittel für seine kinderlose Frau zu beschaffen, stürzt aber ab. In der christlichen Ikonographie wird er als Attribut des Evangelisten Johannes, als Symbol des zum Himmel aufgefahrenen Propheten Elias wie auch des auferstandenen Christus und dessen Himmelfahrt geläufig.

Rabe/ Elster: Der Rabe und die Elster gelten sprichwörtlich als diebische Vögel (klauen wie ein Rabe, die diebische Elster). Sie treten auch als kluge und listige Tiere auf, zum Beispiel in der Fabel. Das korrespondiert mit Naturbeobachtungen, da Raben sehr intelligente Tiere sind. Zwei Raben waren Begleiter und Botenvögel des nordischen Odin. Als Aasfresser kann der Rabe für den Tod stehen, im christlichen Raum wegen seiner Bedeutung in heidnischen Kulten auch als Zeichen dunkler Mächte und des Unglücks.

Geier: Im alten Ägypten ist der Geier der Muttergöttin Mut zugeordnet und steht für das weibliche Prinzip. Für das Christentum stellte der Geier Reinheit und Jungfräulichkeit dar und er stand mit allem in Verbindung, was mit der Keuschheit zusammenhing. Als Aasfresser steht er aber auch für den Tod. Im alten Ägypten und Persien war er herrschaftliches Symbol und Wappentier.

Nachtigall: In den Volkstraditionen kündigt die Nachtigall den Frühling an, sie ist der Vogel des Monats Mai, aber auch und besonders ein Symbol der Liebe. In der persischen Literatur ist die Nachtigall das Symbol des Liebenden, des Dichters und des Gottsuchers schlechthin; sie ist in die Rose verliebt (und die Rose ist Symbol alles Schönen, auch als Manifestation des Göttlichen).

Früher galt der Gesang der Nachtigall als schmerzlindernd und sollte dem Sterbenden einen sanften Tod und dem Kranken eine rasche Genesung bringen.

Phönix: Schon die alten Ägypter kannten einen Vogel, der sich im Feuer erneuert (Benu). Der Benu war dem Sonnengott Osiris verbunden, meist dargestellt in Form eines Reihers, der am Abend stirbt und bei Sonnenaufgang in der Morgenröte aufersteht. Auf der Beschreibung Herodotus aufbauend verbreiteten in der Zeit des Hellenismus griechische und römische Autoren die Vorstellung, dass der Phönix aus der Asche des Osiris oder seinen sterblichen Überresten hervorgegangen sei und ein hohes Alter von vielen, meist fünf Jahrhunderten erreiche. Dazu baut er am Ende seines Lebens ein Nest, setzt sich hinein und verbrennt. Nach Erlöschen der Flammen bleibt ein Ei zurück, aus dem nach kurzer Zeit ein neuer Phönix schlüpft.

In der Spätantike wurde der Phönix dann zum Symbol der Unsterblichkeit, da er die Fähigkeit hatte, sich zu regenerieren, wenn Feinde ihn verwundet hatten. Bei den Christen galt er als Sinnbild der Auferstehung.

Der chinesische Phönix heißt Fenghuang. Es handelt sich aber um ein eigenes Fabeltier. Er erinnert so an einen Fasan oder einen Pfau. Sein langes, farbenprächtiges Gefieder weist die „fünf heiligen Farben“ auf. So ist der Kopf grün (für Güte), der Hals weiß (für Gerechtigkeit), der Rücken rot (für Anstand), die Brust schwarz (für Weisheit) und die Füße sind gelb (für Treue und Glaubwürdigkeit). Auch ist mit dem Feuer assoziiert.

Eule: Die Eule ist der Athene zugeordnet und steht in diesem Zusammenhang für Weisheit. Man kennt die Eule als Symbol für den nahenden Tod und als Begleiterin von schwarzen Zauberern sowie Hexen, da man die Vögel oft nachts an unheimlichen Orten antrifft. Die Eule ist in der Mystik der alten Ägypter ein Vogel der Finsternis und des Todes. In ähnlicher Bedeutung sind die Nachtvögel der sumerisch-babylonischen Dämonin Lilith zugeordnet. Im fernen China ist die Eule Symbol für Unheil, Verbrechen, Schrecken und für undankbare Kinder. Auf chinesischen Urnen stellt sie den Tod dar. Die Japaner sahen in der Eule ebenfalls den Tod und ein böses Omen. Auch bei den Etruskern kannte man die Eule als Attribut des Gottes der Finsternis und der Nacht und bei den Hindus ist sie ein Kennzeichen der Todesgottheit. Die Mexikaner interpretieren mit dem Nachtvogel Dunkelheit und Tod.

Pfau: Der Pfau als Symbol von Schönheit, Reichtum, Königlichkeit, Stolz, Liebe und Leidenschaft, aber auch von Unsterblichkeit, Arroganz und Eitelkeit, nimmt seit jeher eine besondere Stellung im Tierreich ein. Um ihn ranken sich Mythen und Legenden verschiedener Kulturen und Epochen.

In der sufistischen Geschichte Die Konferenz der Vögel von Fariduddin Attar nimmt der Pfau (als „Gabriel“ unter den Vögeln, der im Garten EdenFreundschaft mit der Schlange geschlossen hatte) ebenfalls eine herausragende Rolle ein. In der griechischen Mythologie erschuf die Göttin Hera das „hundertäugige“ Federkleid des Pfaus aus dem vieläugigen Riesen Argos, der mit seinen Argusaugen Io bewachte und schließlich von Hermes getötet wurde.

6. Stilmittel

Die Alliteration ist ein Stilmittel, bei dem zwei oder mehrere aufeinanderfolgende Wörter den gleichen Anfangsbuchstaben bzw. Anlaut haben. Man sollte die Alliteration allerdinsg sparsam einsetzten. Ich verwende sie eigentlich zu gerne. Etwas übertrieben eingesetzt ist die Alliteration zum Beispiel in Georg Trakls „Grodek“:

Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain.

Es müssen auch nicht zwei getrennte Wörter sein, sondern es können auch zusammengestzte Wörter sein: Schlammschlacht

Es reicht auch, wenn die Anfangsbuchstaben gleich klingen:

Die verlorene Phantasie fehlt.

7. Hilfsmittel

8. Exemplarische Vorgehensweise

Wie kann die Kultur-Recherche zu den Vögeln jetzt dabei helfen, einen Text zu schreiben. Ich wähle mal den Phönix aus. Mit dem Mythos hat man schon eine bildliche Ebene. Nun fehlt noch der rote Faden des Gedichtes, die Deutung der metaphorischen Ebene. Ich interpretiere den Phönix als Symbol der Erneuerung und des Neubeginns. Das Feuer deute ich als Krise, aus der man verändert wieder hervortritt.

Beschreiben wir zunächst den Mythos:

Der Phönix stürzte sich ins Feuer.

Bringen wir nun die Deutung mit ein:

Er sucht in den Flammen einen Neuanfang.

Das gefällt mir noch nicht. Zum einen habe ich schon eine Ahnung, dass es zu einer Häufung des Wortes „neu“ kommen kann. Außerdem ist mir der Ausdruck Neuanfang noch nicht lyrisch genug. Suchen wir also eine Alternative. Kuruze Recherche: Die Lotusblüte steht für Neuanfang. Sie erinnert an China, was wir ja sowieso mit einbinden wollen (FengHuang). Man könnte also schreiben:

Er sucht in den Flammen das Blühen des Lotus.

Ein kleiner Feuer-Wortschatz wäre auch nützlich. Neben Flammen und Feuer gehört auch Asche zum Bild. Im Gegensatz zu Feuer lässt sich Asche anfassen und ähnelt darin Sand.

Er formt aus der Asche ein neues Selbstbild.

Synonym für „neu“?

Er formt aus der Asche ein frisches Selbstbild.

Feuer, Flamme, Asche, Glut. Deutungsebene: Es geht um Veränderung.

Mit der Glut der Veränderung …

Wir haben gelesen, dass das Gefieder des FengHuang besondere Bedeutung hat.

Mit der Glut der Veränderung leuchtet sein Gefieder.

Das ist ein guter Einstieg in die Farbsymbolik des Gefieders des FengHuang. Fangen wir mit „Grün“ an. Grün steht für Güte. Assoziation zu grün: Pflanzen, wachsen, sprießen. Sprießen passt gut, weil es um Veränderung geht. Gutmütigkeit braucht etwas, worauf sie sich bezieht. In diesem Fall denke ich sofort an Selbstliebe, denn eine wohlwollende Haltung zu sich selbst ist wichtig, wenn man einen Neubeginn starten will.

Grün sprießt die Feder der Eigenliebe.

Der Hals ist weiß und symbolisiert Gerechtigkeit. Assoziation zu weiß: weiß, Milch, strahlend weiß, blendend weiß, Licht. Gerechtigkeit hat mit Urteilen zu tun. Synonyme: Bewerten, beurteilen, bemessen, unterscheiden. Feder haben wir schon benutzt, also gehen wir mit dem Hals.

Der lichtweiße Hals scheidet …

Was wird unterschieden: Gut und schlecht. Aber wir haben Licht benutzt, also nehmen wir hell und dunkel als Bild für gut und schlecht. Es geht ja um einen Neuanfang. Ein gerechter, klarer Blick auf die Realitäten, keine Selbstvorwürfe, sind da wichtig. Ich würde also gerne noch ein Adjektiv mit einbauen. Klar, nüchtern, unvoreingenommen

Der lichtweiße Hals scheidet klarsichtig hell von dunkel.

Der Rücken ist rot und symbolisiert Anstand. Wie üblich schaue ich mir erstmal ein paar Synonyme für Anstand an. Vielleicht ergibt sich was. Schicklichkeit, Redlichkeit, Tugend. Dann haben wir die Farbe Rot. Da bin ich sofort wieder bei dem Feuer: Glut, Funke, Hitze, Sonne. Da wir von Veränderung, einem Neubeginn sprechen, ist vielleicht das Morgenrot, der große Feuerball, ein gutes Bild.

Die Morgenröte auf dem Rücken entfacht den Funken der Tugend.

Die Brust ist schwarz und steht für Weisheit. Assoziation zu schwarz: Rabe, Kohle, dunkel, finster, Erde.

Aus der schwarzen Erde der Brust fruchten die Früchte der Weisheit.

Fruchten und Früchte ist etwas redundant. Was gibt es denn für Früchte? Trauben? In der keltischen Religion galt der Apfel als ein Symbol der Weisheit.

Aus der schwarzen Erde der Brust fruchten die Äpfel der Weisheit.

Die Füße des Fenhuang sind gelb und stehen für Treue. Die Füße verbinde ich mit Standfestigkeit. Ein Blick auf die Synonyme bestätigt das: Fundament, Standfuß, Sockel, Unterbau, Grundfeste. Gelb ist die Sonne, vielleicht Sand. Die Sonne hatten wir schon in der Morgenröte. Außerdem steht sie hoch am Himmel und passt nicht zum Fundament. Gelb steht auch für Neid, im Christentum für Ketzerei. In China steht gelb aber tatsächlich für die Erde. Machen wir aus Grundfeste ein Adjektiv, was wegen „fest“ gut geht. Dann geht es ja um Treue. Im Zusammenhang mit Veränderung, kann man seinen Vorsätzen, seinem Vorhaben treu sein, um die Erneuerung dauerhaft zu verankern. Man muss wach und aufmerksam bleiben.

In grundfestem Gelb halten die Füße den Vorsatz wach.

Jetzt brauchen wir noch einen umarmenden Schlusssatz. Das Thema ist ja Vögel. Ein Neuanfang ist auch ein Aufbruch. Also lassen wir den Vogel Phönix in ein neues Leben aufbrechen/fliegen. Nehmen wir auch die Krise, das Feuer in dem der Neuanfang geschmiedet wurde, wieder auf. Das Wort “neu“ haben wir bisher vermieden und können es jetzt verwenden.

Der feuergeformte Vogel fliegt in den weiten Himmel eines neuen Tages.

Jetzt haben wir auch unser Stilmittel, die Alliteration: feuergeformte Vogel fliegt

 

9. Bilder

Erich Spießbach: Urkunde

Pablo Picasso: Mädchen mit Taube

Horst Janssen: Toter Vogel