Schreibkurs 10 - Haus

1. Einleitung

Für dieses Kapitel habe ich das Thema „Haus“ ausgewählt. Das Thema ist sehr gut geeignet, sich bildlich etwas vorzustellen und das als Text umzusetzen. Vielleicht denkt ihr an das Haus eurer Kindheit, in dem ihr aufgewachsen seid. Oder an euer Traumhaus, das gar nicht gebaut ist. Oder an ein besonders schönes Haus in der Nachbarschaft, bei dem ihr euch immer schon gefragt habt, wer da wohl drin wohnen mag. Von der kleinen Waldhütte bis zum Wolkenkratzer in der Millionenmetropole gibt es ja Häuser in den verschiedensten Ausprägungen. Das Einfamilienhaus, die Datscha, das Ferienhaus, die Ruine, das Geschäftshaus, Blockhütte, Gartenhaus, Kaserne, Palast, Tempel. Betretet das Haus im Geist, schaut euch um, achtet auf das Mobiliar und setzt das dann in lyrische Bilder um. Wer auf der Suche nach Anregungen ist, kann auch eine Baustilkunde zu Rate ziehen. Vielleicht denkt ihr an ein schlichtes Haus oder an das Hexenhaus auf Hühnerbeinen der Baba Jaga oder an ein Lebkuchenhaus oder an ein Iglu aus Schnee und Eis oder an eine Pagode oder an ein Tipi. Das Geisterhaus wäre ein gutes Thema für einen gruseligen Text.

Inspiration über Symbolik

Im Lateinischen steht das domus aeterna, das ewige Haus, für das Grab und den Tod. Was tut man im Tod garantiert nie wieder: Staubsaugen. Scherz beiseite. Hier natürlich der Gedanke, dass sich dort Staub ansammelt, wo niemand hintritt/zu Besuch kommt.

Im ewigen Haus,
mit jedem Jahr Staub
ein tieferes Vergessen.

Inspiration über Stilmittel

Im und um das Haus gibt es viele Gerräusche. Vom Summen einer Mücke bis zu Kinderlachen. Ich benutze Onomatopoesie (Klangmalerei) um auf eine Idee zu kommen:

Der Wind flüstert durch verlassene Korridore

Die morschen Balken ächzen unter Alterslast.

2. Schreibübung

Schreibaufgabe

a) Schreibe einen Text zum Thema „Haus“ oder „Gebäude“.
b) Versuche das Stilmittel Klangmalerei zu verwenden.

Extra Schreibübung

Schreiben nach Beobachtung
Ein Dinggedicht ist ein Text, der ein sprachloses Ding in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt. Das kann auch ein Tier sein. Das bekannteste Dinggedicht ist „Der Panther“ von Rilke.

Wähle ein kleines oder großes Objekt und entwickle aus der Beobachtung und Beschreibung einen Text. Nutze dafür alle Sinne. Auch ein Haus würde sich dafür gut eignen.

 

3. Zum Einstimmen ein Gedicht

Dachkammermusik

Von oben kommt der Segen.
Von oben kommt das Ach.
Ich wohne mit dem Regen
Hier oben unterm Dach.

Im Keller die Proleten.
Sie hausen mit der Maus.
Doch Amseln und Poeten,
Die leben hoch hinaus.

Tief unter uns Gewimmel,
Gekrieche und Gekrach.
Zum Nachbarn nur den Himmel,
So wohnt man unterm Dach.

Mascha Kaléko

weitere Beispiele

Friedrich Hebbel: Das alte Haus
http://www.gedichtsuche.de/gedicht/items/Das%20alte%20Haus%20-%20Hebbel,%20Friedrich.html

Kurt Tucholsky: Kirche und Wolkenkratzer
https://www.textlog.de/tucholsky-wolkenkratzer.html

Max Dauthendey: Dein wandernd Haus
http://www.gedichte.eu/71/dauthendey/weltspuk/dein-wandernd-haus.php

Clemens Brentano: Nach Sevilla, nach Sevilla
https://www.aphorismen.de/gedicht/87188

 

4. Wortschatz

Haus, Wolkenkratzer, Datscha, Laube, Reihenhaus, Tür, Fenster, Korridor, Flur, Zimmer, Raum, Vorhänge, Möbel, Nische, Ecke, errichten, bauen, wohnen, Nest, Heim, heimelig, Wand, Durchreiche, Fahrstuhl, Treppe, Wendeltreppe, Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer, Abstellkammer, Dachboden, Dach, Ziegeln, Klinker, Fachwerk, Balken, Decke, Stehlampe, Deckenleuchte, Kronleuchter, Schloss, Burg, Baracke, Ruine, Teppich, Fußboden, Diele, Tenne, Scheune, Stall, Arkade, Dachstuhl, Wintergarten, Balkon, Fuge, Fundament, Giebel, Gesims, Balken, Torbogen, Pavillon, Pergola, Plattenbau, Schwelle, Mauer, Mauerstein, Stiege, Traufe, Fassade, Beton, Fries, Ochsenauge, Pfeiler, Säule, Dachfirst, Estrich, Glas, Halle, Kassettendecke, Eingangshalle, Kamin, Schornstein, Ofen, Maisonette, Söller, Villa, Naturstein, Butzen, Geländer

5. Symbolik

Das Haus bietet Schutz vor Wetter und Natur. Es kann ein gemütliches Nest sein. Das Haus kann den Status anzeigen. Im Haus häufen sich die Erinnerungen und die Gespenster vergangener Bewohner durchstreifen die Korridore. Es gibt die taoistische Vorstellung des Körpers als Haus. Das Haus ist auch ein Ort, der Menschen zusammenführt, der Rahmen für eine Gemeinschaft. (zum Beispiel Haus Europa, der Familiensitz oder ein Kloster). Das Haus ist auch der Ort, an dem wir unsere Besitztümer sammeln. Das Haus kann als Metapher für das Grab stehen (domus aeterna). Das Haus findet sich auch als Sinnbild für Welt und Kosmos (siehe Stoiker und chinesisches „Haus des Lichts“). Maria gilt als „Haus der Weisheit“ (domus sapientiae) Auch im Namen Bethels, des Hauses Gottes, findet sich der Begriff. Das Haus bietet Schutz vor der Natur und anderen Menschen (siehe Burg). Das Feng Shui und die Wohnpsychologie beschäftigen sich mit dem Einfluss der Wohnumwelt auf den Menschen. Mit einer Recherche zu den Themen, ergeben sich vielleicht Metaphern für den Text. Manche Tiere tragen ihr „Haus“ mit sich, etwa die Schildkröte und die Schnecke.

Zur Traumsymbolik der Elemente eines Hauses siehe Hilfsmittel

6. Stilmittel

Onomatopoesie (Klangmalerei):

Die Onomatopoesie meint die Wiedergabe sowie Nachahmung von nicht-sprachlichen Lauten durch sprachliche Mittel. Das heißt, dass Wörter daran erinnern sollen, wie dieser Laut, den sie beschreiben, tatsächlich klingt. Gurren ist ein gutes Beispiel, da es den Klang einer Tube nachahmt.

Krächzen, gurren, flüstern, flöten, fiepsen, mampfen, meckern, grunzen, hecheln, pfeifen, hauchen, schnorcheln, säuseln, rascheln, kläffen, klatschen, zirpen, plätschern, ächzen, heulen, sausen, brausen, knurren, summen, knistern, zischen

Es gibt dann noch umschreibende Klangmalerei. Zum Beispiel, wenn wir sagen, etwas klingt hölzern, blechern oder metallisch.

7. Hilfsmittel

Traumsymbolik der verschiedenen Bereiche des Hauses:

Küche: Die Küche deutet auf Transformation hin. Hier werden Speisen genießbar gemacht, umgewandelt. Sie ist auch ein Ort des Essens, der seelischen Verdauung. Hier werden Gefühle und Erlebnisse verarbeitet. Die Küchenträume hängen oft mit Jugenderinnerungen zusammen, da als Kind dieser Ort besonders eindrücklich wahrgenommen wird.

Keller: Aus Sicht der psychologischen Traumdeutung symbolisiert der Keller das Unbewusste im Menschen. Der Keller liegt im Dunkeln, birgt Geheimnisse, Ängste, aber auch Möglichkeiten, die dem Träumenden noch nicht bewusst sind. Steigt er also in die Tiefen eines Kellers hinab, nähert er sich hier dem Unbewussten an.

Dachboden/Dach: Das Dachgeschoss steht für die höheren Gehirnfunktionen: Die Vernunft und das Denken. Auf dem Dachboden sollte Ordnung sein, wie in unserem Kopf. Hier darf es nicht „spinnen“, sich kein Gerümpel anhäufen. Ein „Brand“ auf dem Dach kann den Beginn einer psychischen Störung andeuten.

Schlafzimmer: Das Schlafzimmer ist natürlich erstmal ein Ort der sexuellen Entfaltung. Es ist auch ein sehr intimer Raum. Ein Fremder im Schlafzimmer wirkt beunruhigend. Das Schlafzimmer ist sehr persönlich. Hier schlafen wir und sind schutzlos.

Abort: Auf der Toilette sind wir unserer tierischen Seite am nächsten. Er wird zum tiernahen Naturwesen Vielleicht möchte sich der Träumer von einem seelischen Ballast befreien. Das Klo im Traum ist ein Zeichen für Entlastung, für erledigte seelische Vorgänge.

Unbenutzte Räume: Auffällig oft im Traum. Sie sind ein Teil unseres Wesens, der von uns nicht bewohnt wird. Sie können als Aufforderung verstanden werden, sie zu nutzen, einzurichten. Und sich damit weiterzuentwickeln oder neue, vernachlässigte Seiten an der eigenen Person zu entdecken.

Treppe: Psychologisch gesehen steht die Treppe in der Traumdeutung für eine Veränderung, die Sie selbst aktiv begehen. Träumen Sie von einer Treppe, so sehen Sie sich im Wachleben wahrscheinlich einer Situation gegenübergestellt, die Ihnen einiges abfordert: Sie müssen einen geeigneten Lösungsweg finden, benötigen Entschlusskraft und Handlungsbereitschaft.

Die weiteren Deutungsfacetten sind vielfältig und individuell. Oft geht es um den Eintritt in eine neue Lebensphase oder neue Erfahrung. Eine Treppe kann dabei auf einen Wandel in der eigenen Wahrnehmung deuten.

8. Exemplarische Vorgehensweise

Wie nutze ich also die Impulse aus der Schreibübung, um wirklich ein Gedicht zu schreiben?
Nehmen wir uns doch einmal die Traumsymbolik der verschiedenen Hausbereiche vor. Vielleicht fällt einem zum Begriff „Küche“ direkt etwas ein. Dann kann man mit dem ersten Satz einsteigen und sehen, wohin (zu welchem Thema) einen das Gedicht führt. Hier aber es bietet sich an, sich zunächst einen roten Faden zu suchen. Keller als Unterbewusstsein, das Dachgeschoss als Verstand und höhere Gehirntätigkeit: Das alles deutet auf die menschliche Psyche hin. Und damit hat man schon ein grundlegendes Thema, an das man alle kommenden Einfälle anknüpfen kann.

Thema des Gedichts: Menschliche Psyche

Nehmen wir uns die Küche vor. Stellen wir uns zunächst vor unserem inneren Auge eine Küche vor und assoziieren frei: Küche -> Kochen -> Kochtöpfe. In dem Abschnitt zu Traumsymbolik steht, die Küche sei der Art, an dem Gefühle verarbeitet werden. Welches Gefühl fällt mir spontan ein, das zu dem Kochen passt? Ungeduld ist ein köchelndes Gefühl. Noch eine kleine Wortneuschöpfung. Dass etwas gar wird, deutet auf ein Ende der Ungeduld hin, also verkehren wir das Wort ins Gegenteil und verstärken das Gefühl der Ungeduld noch.

In den Töpfen köchelt meine Ungeduld zur Ungare.

Jetzt hat man den ersten Satz, aus dem sich alle anderen ergeben können. Was macht mich denn ungeduldig? Was geht nicht voran. Erinnere, es geht um die Verarbeitung von Gefühlen. Ein Gefühl, das schwer und unter langen Mühen zu verarbeiten ist, ist Trauer. Was erscheint als erstes vor meinem inneren Auge, wenn ich an Trauer denke? Ein schwarzer Vogel. Gut, der Vogel/ Die Trauer setzt sich fest, sie „hockt“ irgendwo in der Küche. Ich bin dann viele Möglichkeiten durchgegangen, habe mich gründlich in der Küche umgesehen. Dann habe ich ein Bild gefunden, das mir gefällt. Über den Küchentisch (Ort der Nahrungsaufnahme) bin ich auf das Brot gekommen. Die Trauer, die auf dem Brot hockt weist auf die Appetitlosigkeit durch die Trauer hin und auf die nachlassende Selbstfürsorge. Die Trauer versperrt den Weg zum täglichen Brot, also auch zum normalen Alltag.

Auf dem Brot hockt der schwarze Vogel Trauer.

Was gibt es noch in einer Küche. Das erste was mir einfällt: Der Ofen. Ofen -> Wärme ->> Feuer – Flammen -> flackern. Was flackert auch: Die verblassende Erinnerung, das Bild der verlorenen Person. Das passt auch gut zum Thema Trauer. Erst bietet die Erinnerung an glücklichere Tage noch Wärme, aber sie verblasst, wird undeutlicher und kälter. Bei „flackern“ kann es sich auch schon um Lautmalerei handeln.

Im Feuer des Ofens flackert Erinnerung.

Doch die die Flammen verblassen
im eisigen Atem vergangener Jahre.

Was verbinde ich noch mit Trauer? Das Gefühl der Leere, des Verlustes. Traurigkeit. Was gibt es in der Küche, das sich nicht füllen lässt. Ein Nudelsieb zum Beispiel. Ich habe mich für eine Waschschüssel mit einem Loch entschieden. (Ich mag auch eher altmodische Sprache, sonst ja eher das Spülbecken.) Ein Fass zum Beispiel mit Most gefüllt, war meine Alternative.

Was bleibt ist das Loch in der Waschschüssel.
Wie viele Tränen du auch hineinschüttest,
das Maß der Trauer wird nie gefüllt.

Schon ist die erste Strophe fertig. nehmen wir uns das Dachgeschoss vor. Welches Wort gefällt mir am besten. Ich habe mich für Dachstuhl entschieden. Bei der Auswahl kann ein Wörterbuch helfen. Dachkammer, Dachboden, Dachgeschoss, First etc.
Was gibt es auf dem Dachboden. Mir fallen als erstes „Balken“ ein. Wem nichts einfällt, der kann sich von dem Wortschatz inspirieren lassen. Was war die Traumsymbolik zum Dachgeschoß: Ort der Vernunft, des Denkens. Kleine Wortneuschöpfung und fertig. Wir verwenden „knarren“, da es hierbei um Onomatopoesie handelt.

Im Dachstuhl knarrt das Denkgebälk.

Und so weiter, bis man das Gefühl hat, das Gedicht ist lang genug. Oder bis dir nichts mehr einfällt.

9. Bilder

Hundertwasser – Abensberg

Hopper: House by the Railroad

Lyonel Feininger: Hohe Häuser IV

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