Nach einer Zusammenarbeit des Künstlerhauses Lydda mit dem Hauptarchiv Bethel zum Thema Zwangssterilisation in Bethel zur Zeit des Nationalsozialismus, habe ich 2021 alleine ein weiteres Projekt mit dem Hauptarchiv angefangen. Ich habe zu Krankenakten aus Psychiatrie der 1930er bis 1950er Jahre gearbeitet. Enstanden sid zwölf Texte und zwölf Linoldrucke. Alle Gedichtzeilen und auch Elemente der bildnerischen Darstellungen sind direkt mit
Zitaten aus den Krankenakten verknüpft.
Das Projekt soll einen Einblick in die Gedankenwelt der Patient*innen geben und eine Brücke zum Rest der Gesellschaft schlagen. Psychische Erkrankungen wie Schizophrenie sind immer noch stark stigmatisiert. Menschen mit Psychosen geraten immer wieder mit ihrer Umwelt in Konflikt, weil sie anders wahrnehmen und sich ungewöhnlich verhalten.
Hier finden Sie eine kleine Auswahl der Bilder und Texte sowie das gesamte PDF.
Bild Akte XII
Schreckliche Wolken - Textausschnitte
Akte I
Der Morgen drückt
mich zu Boden
wie eine gewaltige Faust.
Ich kann meine Gedanken nicht
aus dem Bett heben.
Akte II
Der Drang in die Landschaft.
Das Sehnen
zwingt meine Glieder
über die kahle Mauer.
Meinen ausgemergelten Körper
wringe ich aus;
ich will mich dünne machen,
durch die Sonnenlichtstäbe schlüpfen
in einen farbenglühenden Tag
Akte III
Ich backe das lebendige Brot.
Aber meine Hände sind Asche.
Meine Augen sind Sand.
Das Mal auf meiner Stirn
starrt mich an.
Das Tier fletscht die Zähne.
Das Bellen des Windes
will mich beißen.
Der Regen schreit
meinen Namen.
Die Toten greifen
nach meiner Kehle
und würgen einen Schrei hervor.
Fünf Minuten lang hallt
mein Entsetzen von den Wänden wider.
Akte IV
Das Alter hat mich
jung gemacht.
Ein fremdes Kind
tänzelt meine Schritte.
Es schlüpft mir in den Schädel
und zieht Grimassen.
Akte V
Ich treibe über den Worten;
ich hänge daneben
im blinden Winkel;
ich niste im Kragen
des Garderobenkittels;
ich habe das selbst abgelegt,
die alte Haut an den Nagel gehängt.
Dem Radio sind Gehörgänge gewachsen
es spuckt toxische Strahlen;
dem Nachbarn sind Kiemen gewachsen;
ich höre ihn im Abfluss atmen.
Akte VI
Mein Ich löst sich auf
in der Flut der Stimmen;
der Händedruck der Wirklichkeit
zerdrückt mich;
der Lärm bellt mich an;
der Flug des Schmetterlings
hebt drohend die Faust.
Akte VII
Die Sekunden schlagen
mit einem Hammer
gegen meinen Schädel;
das Leben pflanzt Fußtritte
in mein Gesicht.
Akte VIII
Der Apfel höhnt und grinst;
sein Auge glotzt mir
fischfeucht nach;
auf dem Pudding schwimmen
fettblinzelnd hundert Äuglein.
Akte IX
Die Ratlosigkeit webt
ein Labyrinth
sich verknotender Ideen.
Alle Ideen führen ins Nichts.
Akte X
Im Blick der Wirtin lese ich:
Idiot!
Ihr ganzes Wesen
spuckt mir ins Gesicht.
Die Schimpfworte kommen nicht
von ihren Lippen.
Aber sie rascheln in ihrem Gang.
Da stößt mir heiß
das Blut in die Faust.
Auf der Straße trällern
die Proleten meinen Namen.
Die Spottdrossel verhöhnt
meine Komposition.
Mein Nachbar überwacht,
was ich fühle und denke.
Der stechende Blick des Bruders
schält meine Psyche.
Er analysiert meine
dreifach gebrochene Haltung.
Der Doktor beobachtet mich
aus der Ferne mit dem Logoskop.
Akte XI
Jenseits der Mauer
blüht eine neue Wirklichkeit.
Meine Hand berührt den Beton,
doch mein Geist geht hindurch.
Die Sarepta-Schwester in schwarz-weiß
geht auf allen Vieren.
Ihr wachsen Hörner
aus dem Schädel.
Sie kreuzt meinen Weg
erneut als Kuh.
Akte XII
Aber meine Arme und Beine
wachsen wie Äste im Wind
mit verdrehten Gesten.
Meine Finger knospen
verwirrt in alle Richtungen.
Ich stehe stundenlang
in gespreizter, schiefer Haltung
im Garten.
In verschachtelter Pose
mit verwinkelten Gliedern
blühen knorrig verknotete Gebärden.
Ich nehme zum Fettdruck der Realität
eine kursive Stellung ein.
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