Volxkunstakademie 2024

Veröffentlicht am 18. Dezember 2024 um 20:48

12. Volxkunstakademie 2024 in Bethel: Ich habe eine Woche künstlerisch gearbeitet. Entstanden ist ein Linoldruck, eine Ton-Maske und ein Text.  Die Arbeiten habe ich in eine kleine Performance eingebunden. Hintergrund meiner Arbeit ist Erich Maria Remarques Roman "Die Nacht von Lissabon". Das Thema ist Emigration während der Zeit des Nationalsozialismus.

Remarque ist ein großartiger Autor und seine Bücher haben mich tief beeindruckt. Besucht Osnabrück mit einem seiner Bücher im Gepäck!


Emigration

Nur in der Fremde
können wir etwas lernen.
Wir erfahren
im zerknitterten Mantel eines Fremden
unsere eigene Nacktheit.
Wir lernen
die Fotografie unseres vergilbten Gesichtes
vom Gestern zu lösen und
in einen neuen Namen zu schlüpfen.

In der Heimat häufen sich
abgetragene Schuhe ins Ungeheuerliche.
Stahlkappen geben den Takt
des Umgangstons an.
Schweigen wird
in Worte des Gehorsams gezwungen.
Der Widergeist wird bis
in den Wahnsinn verfolgt.
Aber in der Heimat nisten auch
in unscheinbaren Ecken
die Denkmäler unserers Lebens.

Der Verlust höhlt mich aus.
Wenn uns der lebendige Lehm,
vom Tropfen der Sekunden verformt,
aus den Händen gleitet,
können wir die Erinnerung umarmen?
In unseren Leib pressen
mit gußeisernem Stempel?
Oder tanzt der Abdruck
im Rauch mit wechselndem Gesicht,
um sich schließlich zu verflüchtigen?

Meine Frau verfolgt mich im Spiegel.
Ihr Gesicht schwimmt in der Menge
auf den Pariser Boulevards.
Ich folge dem Echo ihrer Schritte
durch abendschwangere Gassen.
Die Silberweiden im Park,
der die Mauern überwuchernde Flieder,
die Kupferdäche der Kathedralen:
Alles ruft "Nach Hause".

Doch das ICH kann nicht zurück.
Die alte Haut
wurde am Grenzzaun abgestreift.
Der unnütz Stunden saufende,
in Ahnungslosigkeit konservierte
vorzeitliche Zwilling
hat mit der Klinge des Selbsterhalts
Suizid begangen.

Das Vaterland des Heimatlosen
ist sein pochendes Herz.
Die leeren Hosentaschen
sein Hausstand.
Seine Erinnerung ist der Garten,
in dem er Muße erntet.
Aus dem Boden gerissen
schlägt er Wurzeln im Wind.

Der Instinkt des Überlebens
hat das Geschwür
vergangener Erfahrung
aus seinem Fleisch geschnitten.
Er ist gestorben
und wieder auferstanden.
Er ist auf das Licht
seiner hoffenden Augen reduziert.
Und Licht lässt sich nicht
in der Faust des Verfolgers
fangen.

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