Freistatt war bis in die 70er Jahre eine von Bethel geführte Fürsorgeerziehungsanstalt. Aus meiner künstlerischen Beschäftigung mit diesem Kapitel aus Bethels Geschichte sind sieben Linol-Drucke und sechs Gedichte entstanden.
Bei den Drucken habe ich dokumentarisch gearbeitet. Sie sind auf Grundlage von Bildern aus dem Hauptarchiv Bethel entstanden. Diese Bilder sind als historische Quelle zu beurteilen. Sie zeigen nur, was der Urheber zeigen wollte und bilden die Lebenswirklichkeit der Zöglinge nicht ausreichend ab. Daher ist Kontext nötig. Diesen bieten die sechs Texte. Es ist also nicht jedem Bild ein Text zugeordnet, sondern die Gedichte stehen zwischen den Bildern und sollen die Lücken ausfüllen.
Es ist natürlich wichtig, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, um eine Wiederholung etwa der Zustände wie in Freistatt zu verhindern. Damals war das aber offenbar völlig akzeptiert. Da gilt sich zu fragen, welche heute üblichen Praktiken vielleicht in 50 bis 100 Jahren ethisch inakzeptabel sind und aufgearbeitet werden müssen. Etwa das Entlohnungssystem in den Werkstätten.
Wer sich näher mit dem Erziehungsheim beschäftigen möchte, dem sei diese hervoragende Publikation aus dem Verlag für Regionalgeschichte empfohlen:
Matthias Benad, Hans-Walter Schmuhl, Kerstin Stockhecke (Hrsg.): Endstation Freistatt. Fürsorgeerziehung in den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel bis in die 1970er Jahre. Verlag für Regionalgeschichte (Gütersloh) 2009. 374 Seiten. ISBN 978-3-89534-676-7.
Freistatt - Die Texte
Ankunft
Der schallende Willkommensgruß,
die nackte Erniedrigung,
der eiskalte Wasserguss
predigen den rechten Glauben.
Die fremde Umarmung der Zelle,
der zähnefletschende Besuch
des Hausvaters,
der gitterverhangene Himmel,
die tränende Nische
der Verzweiflung.
Das schreckhafte Erwachen,
das nicht weiß, wo es ist.
Des Nachts kommt der
Heilige Geist
und es singt der Schmerz.
Der Löffel im Hals
soll das Schloss
zur Freiheit aufsperren.
Im Moor
Die Schienen führen
sonnauf, sonnab
bis zur Übermüdung
ins Moor.
Im Torf schläft
das vergessene Gestern.
Die steifen Muskeln
spannen sich
dem Morgen entgegen.
Sommer.
In baumloser Weite
brütet hitzewüst der Durst.
Der geizige Schatten der Birken
flimmert in der Ferne.
Winter.
Von der Holzbotte bis zur
schwarz schwitzenden Stirn
in Kälte und Nässe gehüllt.
Der Pechtorf klebt
dunkel an unserer Bestimmung.
In die Krume gekrümmt
kriecht der Tag dahin:
Die drohende Strafe drückt
den Wunsch sich aufzurichten
nieder.
In die dämmernde Erde gebeugt
graben wir ein
sichtweit hingestrecktes Grab.
Die Quote verästelt sich
wie ein Aderwerk dunklen Blutes
durch die gesamte Kolonie.
Der Torf treibt die Jungen
des morgens aus den Betten
und zur Nacht deckt er sie zu
mit traumloser Erschöpfung.
Sie schaufeln ihre Jugend in
den hungrigen Bauch der Verwertungsanlage.
Verlorene Zeit.
Strafen
Wo soll man die Worte finden?
Zwischen ihnen tun sich Abgründe auf
an deren Rand es einem schwindelt.
Dann ist zu schweigen vom Kettenkleid.
Von dutzenden Pfund Schuld
auf unschuldigen Schultern.
Und wo der Stock schont,
trifft die Faust.
Mit Sorgfalt wird das Rechtsmaß ausgelotet,
die Topographie der Gewalt
auf dem Gesicht exakt vermessen.
Zwischen Mund und Ohr,
zwischen Widerwort und Gehorsam,
findet der Bürokrat ein
gesetzesfreies Niemandsland.
Der Erzieher pflanzt die Saat der Sucht,
um mit Entzug zu züchtigen.
Hunger und Durst nagen
am Arbeiterdenkmal,
bis es stürzt.
Die Strafbücher quellen über von Schweigen.
Die Post wird zensiert.
Das Opfer zum Querulanten erklärt.
Der Nebel über dem Moor
verschluckt jede Klage.
In der Kehle wird
das Moor zur Wüste.
Wie die Spaten stehen
die Jungen im Torf.
Reißt einer aus dem Glied,
versickert das Wasser im Boden.
Der brennende Schmerz des Durstes
springt für den Rohrstock in die Bresche.
Und Jesus flüstert vom Kreuz:
Keine Vergebung
ohne strafende Gewalt.
Die Brüder
Ein Bruder schaut weg.
Ein Bruder haut zu.
Der Brüder Liebe schmeckt bitter.
Zwei Brüder setzen Wetten
auf Torf und Sport und Zöglinge.
Ein Bruder schenkt
fünfzehn Minuten Fahrtwind.
Eine knappe Zeit lang Mensch.
Der eine Bruder fürsorglich
wie ein Stock auf dem Rücken.
Der andere Bruder ein Junge
in zu großen Stiefeln.
Manche Brüder kommen
aus dem Krieg.
Deshalb herrscht Krieg
in den Häusern.
Im Stechschritt ins Moor
zum Torfgrabenkampf.
Über allen liegt
dunkel drohend
der hausväterliche Schatten.
Sein Mund ist Tat,'
sein Wille Dogma,
sein Recht der Rohrstock.
Der Spiegel der göttlichen Ordnung
ist furchtbar zerbeult.
Der Brüder gelebte Nächstenliebe,
treibt den Zöglingen
den Glauben aus.
Der Tag
Zum Bronzeschrei des Hahns
wird der Nachttopf mit
der Notdurft dunkler Träume
entleert. Im Torfbett
erwacht die Scham im
grellen Licht der Erniedrigung.
Vom groben Brocken Brot
bleibt am untersten Tisch
nur ein Krümel.
Im Waschraum werden dem Nackten
die Taschen umgestülpt.
Den Holzschuh füllen Blasen.
Der abgetrennte Ärmel ruft:
Entflohener.
Die Brüder bellen
wie die Hütehunde
knappe Befehle.
Im Gleichtakt marschiert
die Kolonne in den Torf.
Ein Lied soll die Lippen versiegeln.
Der Erzieher dirigiert
mit dem Rohrstock.
Aus dem Salzboden der Quote
wuchert die Gewalt.
Wenn der Krug der Erschöpfung überläuft:
Einrücken, Schmutzschleuse.
Sie waschen das Moor von der Haut,
doch der lange Tag Arbeit
bleibt auf den Knochen.
Von der Nahrung blühen Abszesse.
Die Predigt hat nur eine fade,
dünne Suppe zu bieten.
Die Steine des Mühlespiels
zermahlen die Enge des Alltags
zu ein wenig Zerstreuung.
Die Stopfnadel flickt
das Loch der Zeit.
Dann mit der Nacht eingeschlossen.
Im Bett fünf Bilder der Familie
auf dem Brett.
Des Tags gedrillt in der Kaserne.
Zur Nacht im Gefängnis eingesperrt.
Zur Abendandacht ins Kloster
Untereinander
Die Brüder wissen sich
in der Unterzahl.
Sie fachen den Funken
der Gewalt an,
um sich selbst
nicht zu verbrennen.
Sie streuen den
Sand des Misstrauens
in die Augen der Zöglinge,
um selbst
nicht gesehen zu werden.
Wer mit dem
Faden der Freundschaft
Vertrautheit weben will,
wird getrennt.
Man hüllt sich in Einsamkeit.
Denn jedes treue Wort
kann vom Nächsten
veruntreut werden.
Der Judaskuss gibt
den Nächsten in die Hand
der Brüder.
Wenn einer stolpert
stürzen alle ins
Dickicht der Vergeltung.
Die Gemeinschaftsstrafen
vernichten jede Gemeinschaft.
Du sollst deinen Nächsten überwachen
wie er auch dich überwacht.
Der Bruder schont seinen Arm.
Er lässt die Strafe
von Kinderhand ausführen.
Der Bruder führt den Entflohenen
in den kalten Fliesenraum,
wo die Anderen in heißer Wut
glühende Rache schmieden.
Im Konkurrenzkampfgetümmel
treten die Starken
nach unten.
Die Faust bestimmt den Rang.
Und bist du nur
ein halber Mann,
bietest du, was du hast,
dem Starken an.
Textschlüssel in Beispielen
"der zähnefletschende Besuch des Hausvaters," - Ein Hausvater ließ sich stets von einem Schäferhund begleiten, der die Zöglinge einschüchtern sollte.
"der Heilige Geist" - Jargon für brutale Gruppenbestrafung der Zöglinnge untereinander. Eine Folge der Kollektivstrafen.
"Der Löffel im Hals" - Ein Zögling hat versucht sich das Leben zu nehmen, indem er einen Löffel verschluckte. Ein weiterer Zögling sprang während des Essens plötzlich vom Stuhl auf, lief auf das Dach und stürzte sich herunter. Solche Selbstmordversuche kamen immer wieder vor.
"Von der Holzbotte bis zur schwarz schwitzenden Stirn in Kälte und Nässe gehüllt." - Je nachdem, wo man in der Hierarchie von Freistatt stand, konnte das Erziehungsheim eine schlimme oder extrem schlimme Erfahrung sein. Einer stand oben und hat mit dem Einhaumesser die Torfballen bestimmt, Der Stecher hat die Ballen hinter sich geworfen und der Fänger musste die feuchten, schweren Ballen auffangen. Der hatte ein richtiges Eisbrett vor der Brust. Eine Botte ist ein Holzschuh mit Stiefelschäften.
„Die Quote verästelt sich“ - Die Zöglinge waren ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Freistatt. Die Quoten in der Torfverwertung bestimmten entschieden den Alltag in Freistatt.
"Der Erzieher pflanzt die Saat der Sucht, um mit Entzug zu züchtigen." - Rauchen wurde gefördert, Zigaretten waren etwa Belohnung für Denunzianten. Rauchverbot wardann eine bei den Erziehern beliebte Strafe.
"Arbeiterdenkmal" - Jargon für eine Strafe, bei der der Zögling mit dem Spaten ohne Nahrung oder Wasser im Moor stehen musste, bis er umfiel.
"Reißt einer aus dem Glied, versickert das Wasser im Boden." - Gab es Rangeleien beim anstehen für Wasser, trat der Erzieher den Krug um und die Zöglinge mussten das Wasser vor ihren Augen versickern sehen.
"Und Jesus flüstert vom Kreuz:" Friedrich von Bedelschwingh selbst hat Stellung zu der Gewalt in den Erziehungheimen bezogen. Er hat die Gewalt mit einem Verweis auf die Bibel, die Kreuzigungsszene, gerechtfertigt. "Das Evangelium wehrt entschlossen aller Weichlichkeit. Sie würde die Vergebung fälschen. "
"Zwei Brüder setzen Wetten auf Torf und Sport und Zöglinge. " - Makelloses Auftreten beim Gottesdienst, Leistungen bei der Arbeit und beim Sport waren eine Frage des Stolzes und der Rivalität bei Erziehern und zwischen den Hausvätern. Daher auch immer eine Gelegenheit, die Zöglinge zu "disziplinieren".
"Der Spiegel der göttlichen Ordnung ist furchtbar zerbeult." - An dieser Stelle ist der Hinweis angebracht, dass es sich bei dem Träger des Erziehungsheims, Bethel, um eine diakonische Einrichtung handelt. Diakonie ist Gottes Werk, genauer der Dienst am Nächsten. Zwischen diesem Selbstverständnis und der Lebensrealität der Zöglinge tun sich schwindelnde Abgründe auf.
"Torfbett" - Das Torfbett ist hier wörtlich zu nehmen. Eine eigentlich gute Erfindung zur Pflege inkontinenter Patienten, die auch Wundliegen verhindert. In Freistatt war das Entfernen des Torfs am Morgen aber eine demütigende Prozedur, die einem Spießrutenlauf glich. Der Erzieher ließ auch das befleckte Laken vor versammelter Mannschaft vorzeigen, während er spottete und beleidigte.
Zu sehen ist ein Torfbett in der Historischen Sammlung Bethel, einer hervoragenden Anlaufstelle für alle die an Bethel Geschichte interessiert sind.
https://www.bethel.de/historische-sammlung
"Vom groben Brocken Brot bleibt am untersten Tisch nur ein Krümel." - Auch beim Essen wurde die unterschiedliche Stellung der Zögling im Freistatter System deutlich. Neuankömmlinge mussten sich "nach oben arbeiten".
"Im Waschraum werden dem Nackten die Taschen umgestülpt." - Nur die erste von zwei demütigenden Leibesvisitationen im Tagesablauf. Vor dem Einschließen in die Schlafräume wurde ebenfalls nackt auf versteckte Gegenstände durchsucht.
"Den Holzschuh füllen Blasen." - Es gab keine Strümpfe, sondern nur Fußlappen. Damit stand man dann im Holzschuh im Wasser.
"Der abgetrennte Ärmel ruft: Entflohener." - Ein langer und ein kurzer Ärmel sowie ein schwarzer und ein weißer Holzschuh sollen Entflohene kenntlich machen.
"Er lässt die Strafe von Kinderhand ausführen." - Tatsächlich war die Gewalt zwischen den Zöglingen nicht nur geduldet sondern Teil des Systems. In diesem Beispiel hat ein Bruder den wieder eingefangenen Zöglinge aus dem „Besinnungsstübchen“ (eine Zelle) in den Waschraum geführt, wo seine Mitzöglinge schon warteten. Zerbeult wurde er in die Zelle zurückgeführt.
"Die Faust bestimmt den Rang." - Ein ehemeiliger Zögling berichtet, wie er gleich zu Beginn den Stärksten aus der Gruppe eifnach verprügelt hätte und danach dessen Stellung in der Gruppe einnahm.
"Und bist du nur ein halber Mann" - Halbermänner waren Teil eines Klientelsystems unter den Zöglingen, wo Schutz gegen Tabak Essen oder anderes getauscht wurde.
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