Zwiegespräche 2025

Veröffentlicht am 16. November 2025 um 20:28

Im Laufe des Jahres sind einige Texte entstanden, die auf die Bilder anderer Lydda-Künstlerinnen reagieren. Die Texte gehen dabei oft über eine reine Bildbeschreibung hinaus und versuchen den künsstlerischen Ansatz oder Hintergrund der Künstlerinnen zu ergründen. 


Feuerquelle

Das Blau ist umzingelt.
Das Rot stürmt kühn voran.
Das Schwarz fristt sich
nimmersatt durchs Bild.
Die Konturen ringen miteinander.
Die lichtschnellen Linien
schwingen sich empor
auf einem Schweif der Spontaneität.

Hier lodert lebhaft das Gelb,
wie frisch aus der Sonne geschöpft.
Dort legt der Pastellton
schüchtern und sachlich
sein Anliegen dar.

Die Formen öffnen einen Raum,
der nur auf dem Blatt begrenzt ist.
Auf der Leinwand tun sich Lücken auf,
in die jedes Verstehen hineinstürzt.
Nicht bedeutungsfrei,
aber frei für Bedeutung.
Mit der Wirklichkeit auf dem Seziertisch
geht der Pinselden Dingen
auf den Malgrund.

Jens Jacobfeuerborn

 


Joana Gesel

 

Große Fahrt

Es war einmal ein König.
Der herrschte über jeden
seiner zehn Finger.
Seine Ländereien reichten
vom großen Zeh,
bis zur Spitze 
seines speckigen Hutes.

Er besaß eine Schüssel, ein Bett
und einen Sternenhimmel
voller Träume.
In seiner Stimme rauschte
das salzige Wasser.
In seiner Pfeife
knisterte die Abendglut.

Wenn die Schiffe im Hafen
zu großer Fahrt auslaufen,
dann steht er am Kai
und reist in ferne Länder.
Seine Königin wohnt
hoch in den Wolken
und folgt ihm
mit Augen aus 1001 Nacht.

In seinem Arm hütet er 
ein Geheimnis.
Er verrät es nur
den Fischen.

 

 


Beate Steffens

Dunkle Sonnenlast

Dunkle Sonnenlast
Bruchmond, Stahlhagel,
gefesselter Leib
ans Dunkel geschlagen,
Lichtdonner, Gewaltschrei,
Dunkle Sonnenlast,
Leidensschrei, Blutgewitter,
gepeingter Geist
im Schmerz verzerrt,
Verlustecho, Leere, Leere,
Dunkle Sonnenlast,
Glaubensaas, Wortwaffe
Der Sündeschein
strahlt finster,
Fluchtmassen, Massentod,
Dunkle Sonnenlast,
Drohbefehl, Angstfrucht,
im verstümmelten Blick
der Ruf nach Vergebung,
laute Verzweiflung, stummes Hoffen,
Dunkle Sonnenlast


Isalia Alves Lopes

Näharbeiten

Meine dreifach gefaltete Miene.
Die grobe Naht,
die meine Gesichtszüge
zusammenhält.

In meinem Gehirn zwirble ich
zwiegesprächigen Zwirn.
Die mit Ratlosigkeit
bestickte Zunge
stolpert
über meine Worte.

Ich kann mein Empfinden
nicht durchs
Nadelöhr
der Vernunft zwingen.
Ich schaffe es nicht meine
Gedanken aufzufädeln.

Wo der Strich der Nadel
seine Spur hinterlässt
auf diesem selbstgestrickten Ich.

Wo der Saum des Geistes
sich verschlissen zersetzt.
Da wartet ein dunkler Schlaf.

Ich versuche das Gespinst
der Motten in meinem Kopf
aufzutrennen.
Denn vielleicht wartet hinter
dem Schleier auf meinen Augen
ein blauer Morgen.


Narrentanz

Auf dem Eselefanten reitet
der Pestvogel lustig zuletzt.
Er kräht laut
vom Jüngsten Gericht.
Er singt das letzte Lied:
Nach mir erlischt das Licht.

Ich bin das letzte Glied.
Der Vatersvatervätersohn,
trägt mit Stolz die Narrenkron.

Sein Krummstab
will die Herde hüten,
dabei springt ihm der Schalk
aus dem Arsch.

Dem nächsten sprießen
die krausen Ideen
schon aus dem Schädel.
Seine Gedanken verknoten sich
zu einer prallen Knospe
blühender Kreativität.
Seine Laterne leuchtet nach Gestern.
Er folgt dem Licht seiner Träume.

Dem dritten schwillt mohnrot
der Narrenkamm.
Seine Zunge leckt frech den Wind.
Er schmeckt die Blüte ferner Länder.
In der Hand wiegt er,
im Kopf wägt er
sein versteinertes Schneckenhaus.

Wo die Toren johlen
lacht der Narr nur weise
und nascht von seiner Narrenspeise.
Der Spott seiner Marotte
trifft mitten auf die Nasenspitze.
Ihm wächst der Narrenstein
aus der Stirn.
Sein tollwütiger Humor
schnappt nach den Waden der Leute.
Die Ratte bellt und hetzt die Meute.

Joana Gesel

 

Nun seht diese Possen:
Ein Vogel mit Flossen
ist ein Witz,
doch fliegende Fische
die gibt’s.
Der Narr wartet nicht
aufs Himmelreich.
Er lässt seine Schellen hell
klingen und hechtet purzelbaumschlagend
in die Morgenröte.
Der Harlekin ist auf
einem Regenbogen geschwommen.
Sein Kleid trieft noch vorn Farben.
Mit Wimpel und Fahne stolzieren
die Irrwitzlinge vornweg.
Ihr Banner ist eine Fata Morgana.
Der Kinderbischof segnet
die Kohlköpfe.
Der Bohnenkönig krönt
den Spiegel mit seiner Eitelkeit.

So ziehen die Narren alle vorbei,
denn heute legt der Hahn das Ei.


Helena Bergen

Schwan, Schädel, Schraffur

Ich bin krumm
ins Leben gewachsen,
mit grober Schraffur
auf steinigem Grund.
Mein geschälter Schädel
starrt in die Ewigkeit.
Ein Echo des Schöpfungsfunken
blinkt in der Augenhöhle.
Meine Wut liegt blank.
Kein süßer Lippen Kuss,
nur bloßer Zähne Biss.
Mein erschöpfter Blick
hat sich in Sorge
vielfach gefaltet.
Hinter mir droht
der Gipfel der Zeit
mit dunklem Glockenschlag
zu zerbersten.
Vom Totenkleid aus
weißem Gefieder umhüllt.
Mein Schwanengesang ist
ein Skizze mit hoffendem Strich.
Mein Vermächtnis
eine Collage der Fehlschläge.

 


Topografik

Seine Hand
traumwandelt über das Blatt.
Unter ihrer Berührung knospen
launische Formen.
Pfauenhafte Farben
spreizen ihr Gefieder.
Hoch über einer polyplastischen
Wüstensäule aus Schwammgestein:
Auf tänzelnder Pfote ein Fuchs?
Oder nur ein flüchtiger Gedanke,
der eine Farbspur hinterlässt?
Inmitten der süßen Melodie
einer fröhlichen Farbtonleiter
ein roter Gedanke.
Ein Himmel aus blauem Porzellan
tausendfach gesplittert
in tausend kecke Striche.
Über einer sich neugierig
in die Höhe räkelnden Felsspitze
entflammt ein Feuervogel
die Phantasie.
Schüchtern schielt mit
hochrotem Kopf das Tentakulum
auf eine Landschaft burlesker Körper.

Paul Steiner


Andre Weber

Was wir sind

Mit stolzer Brust
und träumendem Blick,
mit Liebe auf den Lippen
und Sanftmut im Herzen
schreiten wir ins Licht.
Wir tragen den Schöpfungsfunken in uns.
Wir sind Blumen derselben Saat,
manche nur
anderen Himmeln entgegengewachsen.
Wir sind Buchstaben desselben Alphabets,
manche nur
durch den Spiegel geschrieben.

Wo die bloße Existenz
ins politische reicht
ist kein Raum für Bescheidenheit.
Stolz wird zur Tugend und

Scham zur Sünde.
Was wir sind
und immer sein werden
passt uns wie die nackte Haut.
Nicht was wir sind:
Wer wir sind.


Ute Wolling

Farbkampf

Schnell, schnell,
die Kunst wartet nicht.
Die Farbe dreht sich
mit Schwung im Kreis.
Mit grobem Pinsel,
bestimmt und deutlich
ein Zeichen setzen.,
eine Spur hinterlassen,
die den Betrachter nicht verlässt.
Unmittelbar aus dem Empfinden
auf die Leinwand.
Manchmal starrt das Bild zurück:
obszön und aggressiv.
Die rohe Existenz erhält ein Gesicht.
Angriffslustig, hitzig fordert
der Pinsel die weiße Fläche heraus.
Neugierig, verspielt
folgen die Farben dem Augenblick.
Wütend wird um Proportionen gefeilscht.
Die Striche jagen den Faden der Inspiration
wie eine Katze das Wollknäuel.
Hastig, Hastig, fertig.
Das macht zehn Mark.


Mandala

Das Reigen dreht sich fort und fort.
Die Formen greifen,
von selbst ineinander.
Die Farben wechseln in sorglosem Puls.

Das kreisende Kaleidoskop.
Wäre es aus Blütenstaub,
das Flüstern des Lichts
könnte es verwehen.
Wäre es aus der Asche meine Bemühungen,
ein heimwehender Wind
Könnte es mit fortnehmen.
Wäre es aus Sand,
die Hand eines ungeduldigen zeitgenossen
könnte es wegwischen.

Der Pinsel meditiert auf dem Papier.
Ausdauer füllt Lücke um Lücke,
immer im Kreis.
Im Zentrum atmet ruhig der Augenblick.

Simone Müller


Berit Fischer

 

Die Blauung dunkelt tief.
Rundes Staunen wirft
glücksheimeliges Licht
auf die schläfrige Straße.
Bunt über d en Weg gestreute Funken
führen hoch über die Dächer
in den indigo geträumten Himmel.
Die Schindeln schimmern
im Mondschein.
Der roten Gestalt
im Umhang der Nacht
wärmt die Heimkehr die Brust.
Die Nacht blickt schüchtern zurück.
Sie will den Augenblick
nicht stören.

Sternsteigerin

Satte Flächen
öffnen den Raum
Gedanken auszubreiten.
Sanfte Farbstimmen
verführen zum Verweilen.
Deutliche Konturen
treffen selbstbewusst Entscheidungen.


Das Segel, das Boot,
Der Himmel, das Meer fragt
nach dem Ziel der Reise.
Dann falten sich die Flächen
Fließen, räkeln sich
verdreht, geflochten,
greifen ins Körperhafte,
erforschen ein
Kaleidoskop der Möglichkeiten.

 

Als führe die Natur die Hand:
Die Striche wachsen organisch
über das Papier.
Sie formen Stängel, Blätter.
Das Bild atmet.


Die Kunst pflastert den Weg
in ihre Träume.
Stets auf der Suche.
Wenn der Weg das Ziel ist,
dann ist sie schon angekommen.

Ksenja Rusan

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