Ein Projekt zum Träumen 2026

Veröffentlicht am 31. Dezember 2025 um 00:34

Ein Projekt der Theaterwerkstatt Bethel mit dem Kunstverein in Bielefeld und der Künstlerin Mira Mann.


https://www.theaterwerkstatt-bethel.de

Der Dachs

Der Traum blickt zurück I

Der Traum blickt zurück II

Schmetterlingstraum


Der totale Traum III
Der totale Traum III
Mir träumte: Nur noch deutsche Wecker sind erlaubt. Alle Modelle wurden vom Amt für arischen Schlaf ausgetauscht. Jeden Morgen schallt „Deutschland erwache“ aus dem kleinen Lautsprecher. Die Weckzeit lautet: Arbeiterklasse. Sie lässt sich nicht verstellen.
Ich sitze noch im Bett, da dringen SA-Männer n den Raum. Ihre Gesichtszüge, rosige Wangen, wirken ungesund gesund. Groß, kräftig, treublau und blond mit Nussknackerkinn: Ich erkenne sie wieder. Sie sind der Plakatwand auf der anderen Straßenseite entsprungen. Statt ihrer Hände haben sie Hämmer. Damit schlagen sie die Knöpfe vom Volksempfänger. Er lässt sich nicht mehr abschalten. Der, der die Männer kommandiert, ist klein und krumm und schattenbleich. „Gesetz zur totalen Durchdringung der deutschen Volkshörorgane“, schnarrt er und sie ziehen ab.
In der Morgenzeitung eine Liste Verbote: Verbot seinen M;ops Adolf zu nennen. Verbot, Gummi zu kauen. Ich denke erleichtert an Tante Ernas Sonntagsbraten. Laut Erlass lautet der Name aller deutschen Frauen Erika. Der Jude kann keinen Vogel haben. Auch keinen Goldfisch. Es ist verboten, dem nächsten die Hand zu reichen. Führergruß Pflicht. Ich zerkaue mein Führerhörnchen und zerknicke die Zeitung sorgfältig. Sie darf nicht ungelesen aussehen. Auch der Müllmann ist ein Mann in Uniform.
Auf der Straße empfängt mich ein Regenguss schwarzer Druckerschwärze. In dicken Lettern schreien mich die Worte an. Freund. Feind. Die Wände warnen, werben, drohen. Ich senke den Blick, doch selbst auf den Gehweg gepinselt mit jedem Schritt eine Parole. An der Ecke ausgestellt, stolz, ruft der deutsche Hahn: Hilteriki, Hitleriki. 

Aus den Lautsprechern marschiert Musik durchmischt mit Superlativen. Der Blockwart tritt an mich heran. Er will kontrollieren, ob ich meine Zähne geputzt habe. Wie ein kleiner Junge öffne ich brav meinen Mund. Selbst im Traum erscheint das absurd. Ich blicke an mir herunter und trage wieder kurze Hosen. Meine Knie sind verschrammt. Plötzlich fällt mir siedenheiß ein: Meine Mutter hat mich geschickt, Besorgungen zu machen.
Ich stoße zur Kaufhalle vor. Doch meine Initiative fällt der Verkaufspause anlässlich der Führerrede zum Opfer. Ich ziehe mich zum Kino zurück, um meine Kräfte zu sammeln. Ich bin ganz allein im Saal. Die Gemeinschaft zum Tode marschiert im Stechschritt über die Leinwand auf fremder Erde. Schwere Soldatenstiefel zertreten die Saat. Einem Geschwader Wespen wachsen statt Stachel Maschinengewehre aus dem Unterleib. Es gibt keine Musik, nur das Heulen der Vernichtung. Dann sehe ich den Volkskörper. Er hat ein feistes Gesicht, in dem sich Dummheit mit Grausamkeit mischt. Er nimmt ein Bajonett und schlägt sich die linke Hand ab. Er hält den Stumpf triumphierend in die Kamera und gellt fanatisch immer wieder: „Sieg Heil, Sieg Heil!.“ Das Blut sammel sich auf dem Boden und fließt von der Leinwand in den Kinosaal. Entsetzt flüchte ich ins Freie.
Es ist bereits dunkel. Vor dem Kino sehe ich einen Fackelzug nahen. Braune Hemden, schwarze Stiefel. Wo auf der roten Armbinde das Hakenkreuz sein sollte, prangt ein Totenschädel. Ich versuche dem Spektakel auszuweichen und schlage mich in eine Seitengasse. Doch trotzdem, plötzlich bin ich mittendrin. Auch ich trage eine Fackel, auch ich marschiere im Gleichschritt. Und als mir das bewusst wird, muss ich weinen. Dann wache ich auf.


Der totale Traum II

Mir träumte: Ich will einen Freund besuchen. Er wohnt im Arbeiterviertel nahe der Eisenbahn. Aber aus Angst, verfolgt zu werden, nehme ich die Straßenbahn in der entgegengesetzten Richtung. Ich fühle eine diffuse Schuld. In der Bahn sitzen drei Männer in den braunen SA-Uniformen. Instinktiv will ich an das andere Ende des Wagens fliehen, trotzdem setze ich mich neben sie. Ich erinnere mich, wie ich, obwohl ängstlich, versuche zu lächeln. Sogar ein „Richtiges Führerwetter heute“, schlüpft mir von den Lippen. Doch die Männer starren mich nur stumm an. Da sehe ich zu meinem Schreck meinen Freund einsteigen. Der ältere der SA-Männer fragt mich mit scharfem Ton: „Kennen Sie diesen Mann etwa?“ Ich schüttle energisch meinen Kopf. „Nein, bestimmt nicht“, beteuere ich. Mein Freund kommt auf mich zu und schon sehe ich Wiedererkennen auf seinem Gesicht leuchten. Schnell stürze ich durch die sich schleißenden Türen ins Freie.

Dort stehe ich direkt vor der Hauptstelle der Polizei. Ich betrete das dunkle Gebäude und trete an den Schalter. „Ich habe nichts getan!“, werfe ich dem Beamten entgegen, noch bevor er mich anspricht. „Ich habe nichts getan!“, wiederhole ich verzweifelt. Hinter mir bildet sich bereits eine Schlange,. Alle tragen weißes, unbeschriebenes Papier mit sich, das ihre Unschuld bezeugen soll. 

„Wo sind ihre Beweise?“, fragt mich der Polizist teilnahmslos, beinahe gelangweilt. „Hier, ich habe nichts getan!“, rufe ich und strecke ihm meine offenen Handflächen hin. Plötzlich entdecke ich entsetzt, dass meine Hände mit Blut befleckt sind. „Aha!“, triumphiert der Beamte. Dann sehe ich, wie in Handschellen mein Freund herein geführt wird. Er hat ein blaues Auge und geht gekrümmt. „Kennen Sie diesen Mann?“, werde ich gefragt. „Nein, ich habe ihn nie gesehen!“ Ich weine fast vor Verzweiflung. Da tritt der SA-Mann aus der Bahn hinzu und sagt:“ Ich kann bezeugen, dass das eine Lüge ist.“ „So, so,“ runzelt der Polizist seine Stimme und fragt:“ Hat dieser Mann in ihrem Beisein geäußert, die Preise für Lebensmittel seien unter Hitler nicht gesunken?“ [Er hatte das eine Woche zuvor tatsächlich geäußert.] Alle starren mich an. Es wird ganz still. Dann tritt ein Mann aus der Schlange und ruft mit französischem Akzent: „Das ist nicht richtig, wie sie die Menschen behandeln!“ Ich werde rot vor Scham.

Plötzlich sitze ich zu Hause und es klingelt an der Tür. Es ist die Polizei. Sie stehen um einen Leichenbahre, auf der mein Freund liegt. Sein Körper ist bis zum Hals verbrannt. Nur das im Todesschmerz verzerrte Gesicht ist zu erkennen. „Kennen Sie diesen Mann?“, fragen mich die Polizisten. „Nein“, flüstere ich und schließe die Tür. Doch sie fällt aus den Angeln und wir stehen alle auf einmal in meiner Stube. Da weckt mich der Hahnenschrei.


Der totale Traum

Ich trete durch die Tür auf die Gasse und folge dem Kopfsteinpflaster zum Markt. Eine drückende Stille, wie die Vorahnung eines Gewitters, ist am ganzen Körper zu spüren. Sie verschluckt meine Schritte. Ich trete wie auf Watte. Die Abwesenheit jedes Geräusches steigert sich Schritt um Schritt. Blicke stechen in meinen Rücken. Ein lautloses Echo meiner Bewegungen setzt mir nach. Als die der Verfolgungswahn sich ins Irrwitzige steigert, drehe mich nach meinem Schatten um. Da ist ein zweiter Schatten, der ihm folgt. Doch hinter mir ist niemand zu sehen. Meine Flucht verfängt sich in dicker, zäher Luft. Ich komme so mühsam voran, als laufe ich unter Wasser. Endlich erreiche ich den Marktplatz.

Die Verkäufer an den Ständen haben Fischköpfe. Ihre lidlosen Augen glotzen kalt. Der stumme Ruf der Marktschreier, als schnappten sie nach Luft. Im Stechschritt marschiert eine Schar Kinder über den Platz. Sie haben keine Gesichter. Wo ich Nase, Mund und Augen suche, starrt nur eine blanke Fläche. Wie ein weißes Blatt Papier. Ein hoher Funktionär in Uniform, ordensschwere Brust, tunkt die Spitze seines gewaltigen Schnauzbarts in ein Fass Tinte. Er beginnt die leeren Gesichter der Kinder mit Buchstaben zu füllen: Hass ist Liebe. Hass ist Liebe. Ich wende mich wortlos ab.

 

 

 

 

Mein pochender Herzschlag ist das erste was ich höre. Dann folgt die ganze Welt. Schwarze Hunde bellen Parteiparolen. Eine Meute mit monströsen Gebissen stürzt auf mich zu. Sie hetzen einen Fuchs.  Die Vögel in den Bäumen zwitschern Rundfunksignale. Gehorsam ist Freiheit. Gehorsam ist Freiheit. Dann dringt aus ihren winzigen Schnäbeln ein fanatisch donnernder Applaus. Ich suche die Augen des Mannes neben mir. Doch er ist verschwunden. Jetzt sehe ich: Eine nächtige Hand greift aus dem Schatten scheinbar wahllos Menschen und lässt sie im Dunkel verschwinden. Alte, Kinder, Nachbarn, Fremde.

Auf meiner Zunge formt sich ein knotiger Satz. Wie ein Schluckauf drängt er heraus. Aber bevor ich ihn aussprechen kann, packen mich Pfleger in weißen Kitteln. Ihr Griff duldet keinen Widerspruch. Sie zerren mich in die Charité und binden mich auf eine Bahre. Der Raum ist flutend hell und so weit, dass man keine Wände erkennt. Verlassen, unbedeutend schwimme ich in seiner Mitte. Drei maskierte Ärzte treten an mich heran. Sie ragen hoch über mir empor. Mit einer groben Nadel beginnen sie, meinen Mund zu zu nähen.

Mit dem Schock der Angst in den Gliedern schrecke ich auf meinem Bett auf. Ich schreie, doch es kommt kein Ton heraus.

Dann wache ich wirklich auf.


Traumfahrt

Das summende Dunkel wiegt zur Ruh.
Ein Traum schlüpft aus dem Silberei.
Ich sinke empor auf die Sterne zu.
Die Wimpern schwer, die Augen frei.

 

Ein Traum schlüpft aus dem Silberei.
Der Schlafmohn verströmt roten Duft.
Die Wimpern schwer, die Augen frei.
Fernweh spiegelt in der Luft.

 

Der Schlafmohn verströmt roten Duft.
Nachts schläft tiefer als blau.
Fernweh spiegelt in der Luft.
Vielgesichtig spreizt der Pfau.

Nachts schläft tiefer als blau.
Ich sinke empor auf die Sterne zu.
Vielgesichtig spreizt der Pfau.
Das summende Dunkel wiegt zur Ruh.

 

Traum

Der Schlaf ist satt und
stößt mich aus dem Bett.
Doch die Bilder der Nacht
nisten noch in meinem Schädel.
Wenn der Traum
über mich herfällt.,
zerbricht die Wirklichkeit.
Die Maße werden gebeugt.
Da ist ein Knick in den Proportionen.
Die Kruste des Gewohnten bricht auf
und unmögliche Landschaften
keimen empor.
Ölsatt tropft das Surreale
vom Geäst des Erlebten.
Der Traumrabe
brütet hohle Eier.
Es schlüpft eine betäubende Leere

 

Schmetterlingstraum

Der träumende Schmetterling
schlüpft durch den Spiegel.
Die Wirklichkeit zerfließt.

 

Die Uhr gackert.
Gott schmilzt am Kreuzt.
Im wiehernden Wind
treiben Botschaften.
In den Nischen
nisten Geheimnisse.
Honigwetter. Im Garten
blühen Fastnachtgebete.
Aus den Holzköpfen
rieselt Ratlosigkeit.
Das Haigesicht

schnappt nach mir.

In tosender Ferne
zittert die elektrische Bombe.
Der Strom stößt in die Beine.
Im Strahlungsbad verseucht.

Postbotenkomplott.
Der Abfluss protokolliert
die Gedanken.
Das Auge auf dem Pudding
glotzt fett.
Pyramide Last
drückt den Rücken.
Gedanken schleichen.
Versteinerte Zeit.
Das Befehlsecho
greift meine Glieder.
Knebelt meinen Willen.

 

Schlaftrunken, der Mönch
betrachtet sein Spiegelbild.
Die Wirklichkeit schwankt.


Begegnung

Tief im Wald des Unbewussten
tut sich eine plötzliche Lichtung auf.
Das dichte Unterholz der Erfahrungen,
die Brutstatt aller Angst und Unsicherheit
weicht wundersam zurück.
Die Erinnerung führt den Einen
an der Hand ins Licht.

 

Jaspis und Malachit schmücken seine Stirn
in seinem Blick reift das Verstehen.
Seine Gegenwart nimmt mir
die Maske vom Gesicht.
Mein Lachen findet in seinem ein Echo.
Meine Tränen fängt sein Mitgefühl auf.
Er schenkt mir die Freiheit zu sein.

 

Mit dem Wachschreck stößt
der Zweifel mir kalt ins Blut.
Doch wirklich, kein Traum, Erinnern.

 

Der Dachs

Der stumme Voyeur,
der schwarze Blick,
die weiße Schnauze
warten bereits am Fenster

auf mich.
Reglos, unbeirrbar der Dachs.
Er lauert im Gebüsch.
Er späht um die Ecke,
er verfolgt mich auf die Schwelle.
Die Tür zum Traum
lässt sich nicht schießen.
Die haarige Pfote

greift nach mir.

 

Fiebertraum

Die spottende Geometrie
ins Riesenhafte aufragender
Granitbrocken,
die fiebernden Winkel,
die kreischenden Perspektiven.
Die gigantonyme Landschaft
lässt mich ins Bedeutungslose schrumpfen.

 

Ein Elefant,
seine grotesk anschwellende Masse
steingrauen Fleisches,
stürzt auf mich ein.
Die Welt ertrinkt in Blut.
Die Nacht zerreißt ein Schrei.
Noch lange hallt mein Entsetzen
von den Wänden wider.

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